Verbote stinken

Der Passivraucherschutz in unserem Land geht weit genug. Wem er nicht reicht, kann sich ja im hauseigenen Bunker einschliessen.

Zwei Meter von einem Raucher entfernt kann einem der Giftabfall nichts mehr anhaben.

Zwei Meter von einem Raucher entfernt kann einem der Giftabfall nichts mehr anhaben.

(Bild: Keystone)

Ich mag Rauch nicht. Ich war mein Leben lang Nichtraucherin. Der Qualm ist schrecklich, der Gestank, der sich in geschlossenen Räumen in Kleidung und Haar einnistet und erst beim nächsten Waschen wieder verschwindet, kaum zumutbar.

Ich mag viele Dinge im Leben nicht. Menschen mit gewissen Ausdünstungen im ÖV. Leggins. Städtische Parkreglemente, die dazu führen, dass ich immer weniger das Haus verlasse. Vor allem aber mag ich eines nicht: Leute, die für alles ein Verbot fordern.

Nadia Ghisolfi, eine CVP-Politikerin aus dem Tessin, will laut der Westschweizer Zeitung Le Matin das Rauchen gleich mit vier Vorstössen im Tessiner Kantonsparlament einschränken; Rauchen soll auf Spielplätzen verboten werden, in Bahnhöfen, an Bushaltestellen und vor öffentlichen Gebäuden. Und auf Terrassen von Restaurants sollen Raucher und Nichtraucher voneinander getrennt werden. Stimmt das Tessin dem Verbot zu, ist die Chance gross, dass weitere Kantone folgen, es möchte ja niemand als gesundheitlicher Miesepeter dastehen.

In einer perfekten Welt sind sich die Wissenschaftler einig darüber, was gut und schlecht ist – in Realität sind sie es nicht.

In einer perfekten Welt gibt es keine Zigaretten, auch keine Autos, Flugzeuge, Schiffe, Eisenbahnen, Kraftwerke, keine Industrie, Fleischproduktion, keine Drogen und keinen Alkohol. In einer perfekten Welt sind sich die Wissenschaftler einig darüber, was gut und schlecht ist, und ob Passivrauch im Freien wirklich schädlich ist – in Realität sind sie es nicht.

Einige Wissenschaftler kamen immerhin zum Ergebnis, dass die Schadstoffbelastung in der Nähe eines Rauchers draussen kaum weniger stark ist als drinnen, aber sie hält im Freien nur kurz an und reicht nicht weit; zwei Meter von einem Raucher entfernt kann einem der Giftabfall nichts mehr anhaben. Sofern man also jene Organe besitzt, die einem die Fortbewegung ermöglichen, könnte man die kritische Distanz selbst regeln, im Bahnhof und bei Bushaltestellen.

Bleibt das Argument: «Es ist halt störend, wenn …». So drückt es Verbots-Befürworterin Verena El Fehri von der Tabakprävention in «20 Minuten» aus. «Es ist halt störend, wenn man auf der Terrasse sitzt und von links und rechts eingenebelt wird.» Das sei eine Diskriminierung von nichtrauchenden Gästen. Die schutzbedürftigen Gäste in den Restaurants.

Auch darf den Leuten ein bisschen gesunder Menschenverstand zugetraut werden.

Sofern sie jene Organe besitzen, die ein Sprechen ermöglichen, könnten sie beim Tischnachbar auf das Problem hinweisen. Und ist es eigentlich auch Diskriminierung, wenn Nicht-Automobilisten gezwungen sind, die Schadstoffe der Automobilisten einzuatmen? Man sollte vielleicht auch Fahrzeuge vor öffentlichen Gebäuden verbieten und deren Benutzung auf die eigenen vier Wände des Besitzers beschränken.

Beim Rauchverbot auf Spielplätzen argumentiert El Fehri mit der Vorbildwirkung von Erwachsenen und den Zigarettenstummeln am Boden. Der Punkt ist diskutierbar. Nur kann man die Vorbildfunktion auf eine ganze Reihe von Bereichen ausdehnen, von denen einige wohl genauso schlimm für Kinder sind wie das Rauchen – etwa beim Alkohol- und Drogenkonsum, bei Gewaltanwendung, beim Verhalten von Mitmenschen untereinander ganz generell. Auch darf den Leuten ein bisschen gesunder Menschenverstand zugetraut werden.

Ja, hie und da stört man sich an den Macken seiner Mitbürger. Das Leben ist aber eine Aneinanderreihung von Kompromissen. Dem anderen etwas gönnen, das Fordern mal aussetzen. Der Passivraucherschutz in unserem Land geht weit genug. Wem er nicht reicht, kann sich ja im hauseigenen Bunker einschliessen. Zur Sicherheit.

Basler Zeitung

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