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Strassburg ist gleich um die Ecke

An der Integrationspolitik kann es nicht liegen, dass die Schweiz bisher vom islamistischen Terror verschont geblieben ist. Andere Länder sind trotz Integrationsoffensive nicht davon gekommen.

Martin A. Senn
Viele Kerzen und Blumen liegen auf dem Boden in Strassburg. Sie sollen an die Menschen gedenken, die bei dem Attentat ums Leben gekommen sind.
Viele Kerzen und Blumen liegen auf dem Boden in Strassburg. Sie sollen an die Menschen gedenken, die bei dem Attentat ums Leben gekommen sind.
Keystone

«Macht euch gefasst auf uns. Jederzeit. Überall. Die Muslime der Schweiz». Mit dieser Drohung schliesst ein Video des Islamischen Zentralrats, das nun seit vier Jahren im Internet steht. Die Aufregung über die offene Propaganda für die «Islamische Revolution» ist längst verklungen. Über 176 000 Aufrufe verzeichneten seither die drei Minuten Pathos im Stil eines Hollywood-Trailers.

Kameraflüge über Landschaften, untermalt von epischer Musik. Auf einem Gipfel flattert eine Fahne mit einem islamischen Glaubensbekenntnis. Ein junger Mann, vermummt und in Schwarz, irrt als Suchender durch die Schweiz, durch Städte, Flusslandschaften, Wälder. Auf einer Bergwiese kniet er nieder. Da schwärmen Dutzende junger Männer aus dem Wald und stürmen mit ihm ins Tal. «Es gab eine Zeit», sagt die Stimme im Hintergrund, «da war unsere Hoffnung nur ein Samen im Wind, herumgewirbelt, schwach, fremd. Aber jetzt sind wir nicht nur ein Baum geworden, sondern ein Wald. Stark und unzerbrechlich. Der Beginn der Islamischen Revolution.»

Für Terrorismus-Fahnder ist das Video ein Hohn. Zumal wegen der Verluste des IS im Nahen Osten wieder mehr Dschihad-Kämpfer nach Europa zurückreisen. Aber offiziell hat das Video mit den Glaubenskämpfern natürlich nichts zu tun: Geschickt hat es der IZS unter folgendem Titel ins Web gestellt: «Fünf Jahre nach dem Minarett-Verbot. Die Muslime der Schweiz erheben sich gegen die Islamophobie.»

Integrationsoffensive brachte England nichts

Was solls, könnte man sagen, die Schweiz ist vom islamistischen Terror ja verschont geblieben. Das liege an unserer Integrationspolitik, glauben viele. Das glaubte man in anderen Ländern allerdings auch. England etwa lancierte nach dem 11. September 2001 eine wahre Integrationsoffensive: Man band islamische Organisationen besser ein, zahlte Beiträge an bestehende und neue muslimische Schulen und Vereine, förderte die Imam-Ausbildung an Universitäten.

Und dann? England wurde alsbald zum am stärksten vom IS-Terror heimgesuchten Land Europas. Vor allem die jungen Muslime radikalisierten sich rasend schnell. Laut einer Studie hätten es 2007 bereits 74 Prozent der 16- bis 24-jährigen britischen Muslime gerne gesehen, wenn alle Frauen ein Kopftuch trügen, 37 Prozent wollten sich lieber der Scharia unterwerfen als dem britischen Recht, 36 Prozent forderten die Todesstrafe für Muslime, die zu einem anderen Glauben übertreten, 13 Prozent bewunderten islamistische Organisationen, die den Westen bekämpfen.

Seither hat die Radikalisierung in Europa weiter zugenommen. Nachrichtendienste schätzen, dass sich das «radikale Milieu», aus dem sich die zur äussersten Gewalt bereiten Glaubenskämpfer rekrutieren, seit 2012 in Deutschland von 5000 auf 10 000 junge Muslime verdoppelt hat. Dass die Schweiz davon ausgenommen sein soll, ist aufgrund der Zahlen des Nachrichtendienstes nicht anzunehmen. Wahrscheinlich hatten wir bisher einfach nur mehr Glück. Aber Strassburg ist gleich um die Ecke. Nicht nur geografisch.

Dies war meine letzte Kolumne. Ihnen allen wünsche ich weiterhin eine anregende BaZ.

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