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So retten Sie Ihre Beziehung

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Paartherapie – und was macht man dort eigentlich? Drei Experten antworten.

Was ist uns wichtig, wo wollen wir hin? Ein Therapeut kann helfen, das herauszufinden. Foto: Getty Images
Was ist uns wichtig, wo wollen wir hin? Ein Therapeut kann helfen, das herauszufinden. Foto: Getty Images

Sie weinen, sie schimpfen, sie schreien, sie schweigen. Nicht zu zweit im eigenen Wohnzimmer, sondern in einer Praxis. Weil sie als Paar nicht weiterwissen, hoffen sie auf die Hilfe eines Therapeuten. Solche Szenen gibt es hundertfach in Filmen, Büchern, Podcasts. Doch in der Realität wissen viele nicht, wie so eine Sitzung überhaupt abläuft. Wir haben drei Paartherapeuten die wichtigsten Fragen gestellt:

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Paartherapie?

Generell gilt: so früh wie möglich. Kommt man mit den Ratschlägen von Familie und Freunden nicht weiter, sollte man darüber nachdenken, sich Hilfe von einem neutralen Experten zu holen. Vor allem, wenn sich die Fronten verhärten, wenn es ständig eskaliert, ohne dass sich etwas klärt. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, das einen aus der Bahn wirft, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine Affäre, und die Beziehung stark belastet. Wenn die Trennungsgedanken überhandnehmen, einem die Anwesenheit des Partners körperliches Unbehagen bereitet oder wenn man sich gar nichts mehr zu sagen hat und sich immer einsamer fühlt in der Zweisamkeit.

Allerdings: «Ich brauche von meinen Klienten ein Mindestmass an Energie, um etwas verändern zu wollen», sagt Andrea Bräu, Therapeutin aus München. Ist diese Bereitschaft nicht da, wird es schwierig, die Beziehung zu retten. «Ich erlebe oft, dass Frauen jahrelang zu ihrem Mann gesagt haben: Lass uns eine Therapie machen. Doch ist der Mann dann so weit, ist es oft zu spät – weil die Frau schon lange emotional ausgestiegen ist. Sie wurde nicht gehört.» Je gefestigter die Probleme sind, desto schwieriger wird die Arbeit daran. «Einen falschen Zeitpunkt für eine Therapie gibt es aber nicht», sagt Cornelia Ulrich von der Beratungsstelle «Familien-Notruf» in München. Es gibt jedoch auch Paare, die nur beim Therapeuten sitzen, um eine offizielle Bestätigung dafür zu haben, dass nichts mehr geht und man alles versucht hat.

Was macht eine Therapie erfolgreich?

Was genau Erfolg für ein Paar bedeutet, ist hoch individuell. Etwa, dass es daheim weniger Streit gibt, man besser miteinander reden kann, sich traut zu sagen, was man eigentlich will. Darum ist es unerlässlich, zu Beginn mit dem Therapeuten über Ziele und Anliegen zu sprechen: Was ist uns wichtig, wo wollen wir zusammen hin, was verbindet uns? Ein Therapeut kann helfen, das herauszufinden. Voraussetzung dafür ist, dass beide Partner sich verstanden fühlen. «Die Chemie zwischen Paar und Therapeut muss stimmen», sagt Thomas Prünte, Psychologe aus Hamburg. «Wenn es einem dann gelingt, mit den Augen des Mannes, der Frau und manchmal auch aus den Augen der Kinder zu gucken, kann man etwas bewegen.»

Darüber hinaus sollte jeder Partner bereit sein, dort hinzusehen, wo es am meisten weh tut: auf sich selbst. Es reicht eben nicht, lediglich einzufordern, dass der andere sich ändern muss, damit es wieder besser läuft. Es geht stets auch um die Beziehung zu sich selbst. «Ich muss hinterfragen, was mein Anteil an dem Problem ist, und bereit sein, etwas an meinem Verhalten zu verändern. Wenn ich nur darauf warte, dass der andere sich bewegt, wird nicht viel passieren», sagt Cornelia Ulrich. Auch nicht in der nächsten Beziehung.

Wie läuft eine Paartherapie ab?

Zu Beginn gibt es eine ausführliche Bestandsaufnahme: Was läuft schief? Was müsste passieren, damit es besser wird? Wo steht das Paar im Moment, wie zufrieden ist jeder mit der Beziehung? Anhand dieser Aussagen lassen sich Ziele formulieren. «Ich spreche dafür mit jedem Einzelnen – im Beisein des anderen», sagt Cornelia Ulrich. «Das ist wichtig, weil der Partner dann zuhören muss und dadurch etwas Neues erfahren kann. Und manchmal überhaupt erst versteht, was das eigentliche Problem ist.»

Durch die Anwesenheit des Therapeuten entsteht automatisch eine andere Atmosphäre als am Küchentisch. Man hört nicht nur anders zu, es werden auch andere Fragen gestellt. Im weiteren Verlauf der Therapie geht es darum, wie es dem Paar nach der letzten Sitzung ging, was sich verändert hat, und ob es einem gelungen ist, die Perspektive des anderen zu würdigen. Hausaufgaben können helfen, den Alltag zu spiegeln oder Beziehungsmuster zu hinterfragen.

«Ist es einem Paar gelungen, im Streit nicht zu eskalieren, stelle ich die Frage: Wie haben Sie das geschafft? Was ist anders gelaufen als sonst? Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in alte Muster fallen und wie ist es Ihnen gelungen, rechtzeitig auszusteigen?», sagt Thomas Prünte. Nicht allen ist mit etwas Handfestem für die Zeit zwischen den Stunden geholfen. «Wenn ich merke, dass ein Paar am Abend vor unserem Wiedersehen panisch versucht hat, schnell etwas davon umzusetzen, das wir besprochen haben, kann man es gleich bleiben lassen», sagt Andrea Bräu. «Ich möchte niemandem etwas vorkauen. Die Menschen sollen hier lernen, sich selbst zu helfen.»

Soll man auch zum Therapeuten, obwohl alles gut läuft?

Längst gibt es Angebote für präventive Paartherapie, in denen Menschen lernen können, wie sie miteinander sinnvoll kommunizieren, bevor die ersten Probleme da sind. Der Vorteil: Sich ohne Tränen, Vorwürfe, Wutanfälle konstruktiv miteinander auseinanderzusetzen. Der Nachteil: Ein weiteres Feld der Selbstoptimierung. Aber auch wenn offenbar alles gut läuft: Im Zweifel lässt sich schon etwas finden.

Wie viele Sitzungen braucht ein Paar?

Wichtig: Die eigentliche Therapie findet zwischen den Sitzungen statt. Im Alltag. Wer glaubt, der Paartherapeut wird es schon richten, kann sich das Geld sparen. Ein Minimum an Terminen vorab auszumachen, ist nicht unbedingt hilfreich, schliesslich kann eine Paartherapie schon nach der ersten Stunde keinen Sinn mehr ergeben. In der Regel zielen viele Modelle auf eine Kurzzeittherapie ab. «Fünf bis zehn Termine braucht man in der Regel schon, damit sich etwas ändern kann», sagt Andrea Bräu. «Die meisten meiner Klienten kommen alle zwei Wochen. Kriselt es sehr, tauchen sie anfangs auch einmal pro Woche auf. Meist ziehe ich nach fünf Treffen Bilanz und gucke, in welche Richtung es geht.»

Ähnlich sieht es auch Cornelia Ulrich: «Ich frage am Ende einer Sitzung immer: Wann wäre es gut, einen neuen Termin zu machen?» Dafür gilt: bloss keinen Stress. Wer beruflich viel unterwegs ist, einen Angehörigen pflegt oder nicht weiss, wer die Kinder währenddessen betreut, steht unter Strom und ist möglicherweise nicht so einsatzfähig wie gewünscht.

Muss man immer gemeinsam hin?

Ja, es heisst schliesslich Paartherapie. Es kann aber sinnvoll sein, die Partner einzeln einzubestellen, wenn man nicht weiterkommt. Bei Thomas Prünte gilt dann die Abmachung, dass alles, was alleine besprochen wird, für die weitere Beratung verwendet werden kann. Der Therapeut soll nicht zum Geheimnisträger werden. Auch Andrea Bräu möchte beide Seiten kennen: «Wenn einer als eine Art Botschafter das erste Mal alleine zu mir kommt, möchte ich nicht, dass die beim nächsten Besuch gleich zu zweit auftauchen.» Vielmehr soll der andere vorab ebenfalls allein gehört werden. «Sonst bleibt der immer der Neue.»

Weigert sich einer von beiden, überhaupt mitzukommen, wird es problematisch – obgleich die Initiative meist ohnehin nur von einem ausgeht. «Verändert sich einer, muss sich automatisch auch der andere verändern», sagt Andrea Bräu. «Sonst wird der Abstand zwischen beiden zu gross.» Grundsätzlich gilt: Angst vor einer Therapie muss niemand haben, die Beratung muss nicht den Anfang vom Ende bedeuten. Niemand wird als Schuldiger an den Pranger gestellt. Es haben immer zwei ihren Anteil an dem, was ist.

Wann ist eine Paartherapie zu Ende?

Wenn die Beziehung auf einem guten Weg ist. Es weniger Themen gibt, die nerven. Sich die Kommunikation signifikant verändert hat. Man mit den Problemen besser umgehen kann. Je nach Aufgabenstellung zeigt sich, ob sich eine Paardynamik verbessert hat oder ob es dazu geführt hat, dass man klarer sieht. «Wir geben uns gegenseitig Feedback. Wenn dann der Eindruck entsteht, es läuft gut, kann eine Therapie beendet werden», sagt Thomas Prünte. Die Entscheidung liegt allerdings klar beim Paar – ausser: «Wenn ich immer wieder von den gleichen Schwierigkeiten höre, aber keiner der Partner etwas Neues ausprobiert, frage ich: Was glauben Sie, was hier noch passieren wird?», sagt Cornelia Ulrich. «Zaubern kann ich nicht.» Wer das Gefühl hat, noch nicht ganz alleine klarzukommen, vereinbart eine Art Check-up, um etwa einmal im Jahr in Anwesenheit des Therapeuten Bilanz zu ziehen.

Kann man jede Beziehung mit einer Therapie retten?

Nein. Deswegen lautet das oberste Gebot jeder vernünftigen Paartherapie: Ergebnis offen. «Wie sich ein Paar am Ende entscheidet, liegt nicht in der Hand des Therapeuten», sagt Thomas Prünte. «Das bleibt in der Verantwortung der beiden.» Manchmal gelingt es, die Liebe füreinander wiederzufinden und sich als Team zu verstehen, oder eben einzusehen, dass da nichts mehr ist, was einen verbindet.

Wie findet man einen geeigneten Therapeuten?

Am einfachsten über eine Empfehlung aus dem Freundeskreis. Was aber nicht bedeutet, dass einem dieser Therapeut selbst sympathisch sein muss. Denn das wichtigste Indiz dafür, ob man in einer Praxis gut aufgehoben ist, lautet: Fühlen sich beide Partner dort wohl? Das Bauchgefühl entscheidet. Wer sich allein auf die Suche macht, sollte die Selbstdarstellung der jeweiligen Praxis-Website auf sich wirken lassen und gucken, ob die Infos zu Kosten, Terminfindung, Anreise stimmig sind. Ist man nach der ersten Stunde nicht sicher, ob das funktioniert, lieber weitersuchen und Therapeut wechseln.

Geeignet bedeutet auch, dass sich der Berater beiden Parteien gegenüber neutral verhält und nicht versucht, seine Ansichten auf das Paar zu übertragen, oder gar ihre Entscheidungen wertet. Weil der Begriff Paartherapeut keine geschützte Berufsbezeichnung ist, sind die Wege dorthin vielseitig: Es gibt zahlreiche Organisationen und Institute, die solche Weiterbildungen anbieten. Manche Therapeuten haben zuvor Psychologie studiert, andere hingegen als Sozialpädagoge, Heilpraktiker oder Berater gearbeitet. Am Ende steht aber der Ausbildungsweg nicht automatisch auch für Qualität.

Und was kann man tun, bevor man zum Therapeuten geht?

In Sachen Kommunikation hat Cornelia Ulrich folgende Tipps: «Nie nur Vorwürfe machen, sondern fragen: ‹Wie war das aus deiner Sicht?› Zuhören lernen. Nicht nur meckern, sondern dem anderen sagen, was gut gelaufen ist. Nie davon ausgehen, dass der andere von alleine draufkommt, was man will und braucht. Nichts ist selbstverständlich.» Andrea Bräu findet es wichtig, sich klarzumachen: «Es ist eigentlich egal, mit wem man zusammen ist. Denn man nimmt sich immer selbst mit. Das gibt einem Freiheit: Ich kann etwas an mir verändern. Ich bin nicht abhängig von anderen.»

Für Thomas Prünte müssen es nicht immer die ganz grossen Ziele sein: «Das Ideal, in einer Beziehung anhaltend glücklich zu sein, führt zu Enttäuschungen. Zufriedenheit ist oft das realistischere Ziel.» Man sollte zudem nie nur auf die Defizite gucken, sondern auch darauf, was gut läuft. Und sich die Frage stellen: Warum sind wir trotz allem noch ein Team?«

Andrea Bräu arbeitet als Einzel-, Paar- und Sexualtherapeutin in München.

Cornelia Ulrich ist Leiterin der Beratungsstelle «Familien-Notruf» in München und arbeitet als Familien- und Paartherapeutin sowie als Mediatorin.

Thomas Prünte ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Paartherapeut und Coach in Hamburg.

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