«Sieht scheisse aus»

Eine neue Velohelmkampagne mit leicht bekleideten Models hat in Deutschland einen Shitstorm ausgelöst. Das jüngste Schweizer Pendant zeigt sogar noch mehr nackte Haut.

Löste eine landesweite Entrüstungswelle aus: Die Helmkampagne des deutschen Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Löste eine landesweite Entrüstungswelle aus: Die Helmkampagne des deutschen Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Auf den Plakaten räkeln sich Models in Unterwäsche, junge Frauen und Männer, mal stehend in einer Gruppe, mal lasziv auf dem Bett. Zu BH, Boxershorts und Out-of-Bed-T-Shirt tragen die jungen Models hundskommune Velohelme. Die Botschaft unter den Fotos: «Looks like shit. But saves my life.» Oder übersetzt: «Sieht scheisse aus. Aber schützt mein Leben.»

Schweizer Plakate zeigten zwei Nackedeis

Hinter der irritierenden Kampagne steht das deutsche Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Das Ziel: Fahrradfahrer zum Helmtragen zu animieren. Das Resultat: ein landesweiter Shitstorm. «Sexistisch, sinnfrei, doof, peinlich!» und weitere Adjektive dieser Art schrien Politikerinnen, Fahrradverbände, Feministen von überall her und enervierten sich über die Unterwäsche-Velohelm-Kombi. Einige riefen sogar zum Boykott der Kampagne auf.

Auch in der Schweiz ist sie nicht unbemerkt geblieben, was aber nicht nur an der Aufregung liegt. «Vielleicht ist es Zufall, aber unsere jüngste Velohelmkampagne sieht ähnlich aus», sagt Marc Kipfer, Mediensprecher bei der Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). «Nur dass wir statt leicht bekleideter Menschen nackte zeigten.»

Nur mit Helm: Die Kampagne der Beratungsstelle für Unfallverhütung, September 2018

Die Plakate mit dem Slogan «Velofahren nur mit Helm» von vergangenem Herbst zeigten eine Frau und einen Mann mit ihren Fahrrädern, beide mit Helm, ansonsten waren sie aber füdliblutt. «Das Bild und der Slogan bildeten auf unserem Plakat eine gute Einheit», findet Kipfer.

Nur wenige Gemeinden verzichteten auf die Plakate

Damit hat die BfU für einmal absichtlich einen provokanteren Kampagnenansatz gewählt, um ihre Botschaft zu vermitteln. «Wir wussten, dass das Sujet mit den zwei nackten Velofahrern ein bisschen gewagt ist, andererseits ist ja nichts zu sehen, was aufregen könnte.» Fahrradrahmen sei Dank. Ein Shitstorm blieb jedenfalls aus. Die BfU hat eine Partnerschaft mit den Schweizer Gemeinden, die jeweils frei entscheiden können, ob sie die Plakate aufhängen wollen oder nicht.«Nur vereinzelte Gemeinden haben die Plakate vernichtet oder an uns retourniert», sagt Marc Kipfer.

Die einen, weil ihnen die Sujets nicht gefielen, die anderen, weil sie Bedenken hatten, die zwei nackten Fahrradfahrer in der Nähe von Schulen aufzuhängen. Wieder andere hatten befürchtet, die Sujets würden im Strassenverkehr zu sehr ablenken. Auch aus der Bevölkerung hat es laut Kipfer nur vereinzelte negative Reaktionen auf die Kampagne gegeben. Enttäuscht, dass ein Shitstorm trotz Nackedeis ausblieb? Immerhin gab die deutsche Kampagne in halb Europa zu reden und rückte so den Velohelm ins Zentrum. «Nein, wir haben es nicht auf einen Aufreger abgesehen.»

Die Kampagne trifft einen wunden Punkt

Vielleicht lagen die Nerven in Deutschland aber auch weniger wegen der leicht bekleideten Models blank, sondern vielmehr wegen des provokanten Spruchs, der, wie der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer bemerkte, «vielleicht nicht so ganz dem üblichen Behördendeutsch» entspricht, aber genau einen wunden Punkt trifft: Die meisten Velohelme sehen nun mal tatsächlich scheisse aus.

Es ist auch einer der Hauptgründe, warum viele Schweizer keinen tragen mögen. Weitere Erklärungen: Helme sind unbequem, man schwitzt darin, sie ruinieren die Frisur. Die BfU kennt sie alle und kann sie auch nachvollziehen. Bloss: Wenn man schon Velounfälle verhüten will: Wieso denn nicht in die Entwicklung von schönen, bequemen Helmen investieren, wenn damit vielleicht mehr Leute dazu animiert werden könnten, ihren Kopf zu schützen?

Neuartige Helme schützen deutlich besser

Die BfU setzt aber lieber auf verbesserte Sicherheit als auf die Attraktivität von Helmen. Neuerdings fördert sie eine neuere Technologie aus Schweden namens Mips. Es handelt sich dabei um eine leicht bewegliche Kunststoffeinlage im Inneren des Helms, die das Hirn bei einem Unfall besser schützen soll. Denn herkömmliche Helme vermögen zwar den Schädel vor Knochenbrüchen oder Hautschürfungen zu schützen, bei Hirnerschütterungen beispielsweise sind sie jedoch nicht allzu wirksam.

«Die Mips-Helme schnitten in diesem Bereich in BfU-Labortests deutlich besser ab», sagt Marc Kipfer. Am Aussehen ändert die fortgeschrittene Technologie aber leider nichts. Die Mips-Helme sehen genau gleich unattraktiv aus wie jene ohne den verbesserten Schutz. Oder, wie die Plakate des deutschen Verkehrsministeriums sagen: «like shit».

Kampagne mit GNTM-Kandidatin

Die Helmtragequote nimmt aber trotzdem laufend zu. Bei der jüngsten Erhebung 2018 quer durch alle Bevölkerungsschichten stieg die Quote erstmals über 50 Prozent. Allerdings kommt es gemäss Kipfer extrem auf die jeweilige Streckenlänge an. «Wir haben herausgefunden, dass zum Teil dieselben Leute für längere Fahrten immer einen Helm anziehen, wenn sie zum Bahnhof oder zum Einkaufen fahren, hingegen fast nie.» Bei kurzen Strecken liegt die Helmtragequote bei nur 23 Prozent.

Dass die Gesamtquote so hoch ist, ist hauptsächlich den Kleinsten zu verdanken: Drei von vier Kindern tragen einen Helm, von den 15- bis 29-Jährigen ist es aber nicht einmal mehr jeder Dritte. Genau diese Zielgruppe möchte die deutsche Kampagne ansprechen. Es ist also kein Zufall, dass eins der Models eine Kandidatin der aktuellen Germany’s-Next-Topmodel-Staffel ist, die sich den Helm-Job medienwirksam ergattern konnte.

Deutschschweizer sind tragefauler als Tessiner

Bei den Erwachsenen sind die 30- bis 44-Jährigen am vorbildlichsten: Am meisten schützen sich die Tessiner (66 Prozent), gefolgt von den Romands (62 Prozent). Die Deutschschweizer sind im nationalen Vergleich am tragefaulsten. Wenn es jedoch darum geht, ihre Kinder mit einem Helm zu schützen, liegen die Eltern in der Deutschschweiz wiederum an der Spitze.

Kinder und Tessiner schützen sich am häufigsten: Helmtragequote in der Schweiz. Quelle: BfU

Die BfU freut sich über die steigende Akzeptanz: Ein Velohelm reduziere das Risiko von Kopfverletzungen bei Velounfällen um rund 50 Prozent. Er trage ausserdem dazu bei, dass Kopfverletzungen weniger gravierend ausfallen. «Wenn ab morgen alle Velofahrenden einen Helm trügen, würde sich die jährliche Anzahl Kopfverletzungen gemäss Studien um rund ein Drittel reduzieren gegenüber dem heutigen Stand.» Dies habe eine besondere Bedeutung, weil bei tödlichen Radunfällen häufig eine Kopfverletzung vorliege.

Mehr Velounfälle mit Schwerverletzten

Die neusten Astra-Zahlen, die Anfang April veröffentlicht wurden, spiegeln die Entwicklung jedoch noch nicht: Im Jahr 2018 ereigneten sich 877 Unfälle mit schwer verletzten Fahrradfahrern, das sind 2,5 Prozent mehr als im 5-Jahres-Schnitt, weitere 27 Menschen starben im vergangenen Jahr. «Während die schweren Unfälle im motorisierten Verkehr abnehmen, stagnieren sie beim Langsamverkehr. Das ist ein schlechtes Zeichen», sagt Marc Kipfer.

Ein Helm kann keine Unfälle verhindern. Auch deswegen zählen die Bemühungen der BfU, die Leute zum Helmtragen zu bewegen, nur zur sekundären Prävention. Primär setzt sie sich für eine sicherere Infrastruktur im Strassenverkehr ein, unter anderem für mehr Radwege, eine Entflechtung von Velo- und Autoverkehr, verlangsamte Zonen und für mehr Sicherheit im Kreiselverkehr.

An den Helmkampagnen wird die BfU aber trotzdem festhalten, allerdings ist nicht geplant, das Sujet mit den beiden velofahrenden Nackedeis nochmals im grossen Stil auszuhängen. Man habe vergangenen Herbst auf den einmaligen Überraschungseffekt gesetzt, was gelungen sei. Nur vereinzelt könnte das Sujet noch auftauchen. Bei der nächsten Kampagne sollen die E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer im Fokus stehen – angezogen.

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