Rücktritte von Spitzenfrauen

Zum Abschied erhalten die Frauen Krokodilstränen, so schwer wie Grabsteine.

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Christine Richard

Wieder eine Frau weniger an einer Parteispitze. Im Oktober 2018 kündigte Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Chefin an. Im Mai 2019 gab Theresa May ihre Rücktrittserklärung mit Tränen bekannt. Jetzt legt SPD-Chefin Andrea Nahles sämtliche politischen Ämter nieder. Sind Frauen zu schwach? Um es mit einem Männerwort zu sagen: «Genug ist genug.»

May, Merkel und Nahles haben einiges gemeinsam. Sie kamen erst an die Spitze ihrer Partei, nachdem einige Männer gescheitert waren. Und sie gerieten in eine politische Schlechtwetterperiode. Niedergang der Volksparteien, Flüchtlingskrise, Brexit: Man darf gespannt sein, wie Männer diese Probleme lösen werden. May, Merkel und Nahles haben es auf ihre Weise versucht – ein bisschen nach Art der Frauen. Sie haben harmonisiert. Sie haben in einer Zeit der Spaltungen versucht, Positionen und Parteiflügel, die nicht miteinander vereinbar sind, auf einen Nenner zu bringen. Wie gute Familienmütter. Sie plädieren auch noch für Kompromisse und grosse Koalitionen, wenn ihre Angehörigen längst auseinanderrennen. Sind Frauen dumm? Checken sie es nicht?

Frauen sind von klein auf für die Beziehungsarbeit zuständig. Sie pflegen deshalb einen anderen Politikstil. Sie setzen mehr auf Kooperation als auf Konkurrenz. Sie glauben an Zusammenhalt, das ist ihr Geschäft. Beim Harmonisieren können Frauen unerbittlich sein. Bis es sie selber zerreisst. Zum Abschied erhalten sie Krokodilstränen, so schwer wie Grabsteine.

Es geht auch anders. Es geht so wie bei Angela Merkel. Quasi von Mensch zu Mensch sagte die CDU-Frau Merkel zum Rücktritt der SPD-Frau Nahles: «Sie ist Sozialdemokratin mit Herzblut, aber ich finde, sie ist auch ein feiner Charakter.» Ein feiner Charakter – wann hat man so ein Lob zuletzt in der Politik gehört?

Andrea Nahles hat als Frau versucht, was kein Mann in der Politik wagt: Sie wollte authentisch bleiben, bei sich. Die Tochter eines Maurermeisters wirkte mitunter so prollig, dass sich die eigene Partei schämte. Sie schrie in Mikrofone, dass es kaum auszuhalten war; sie wollte dem Gegner «eins in die Fresse» geben; sie machte sich im Büttenredner-Stil unmöglich – und bereute kurz danach ihr Benehmen zutiefst. Sie war zwischen Privatmensch und Politikmensch gespalten wie alle und wie Frauen besonders – nur dass Nahles diesen Riss offenbarte. Ein Beweis von Stärke, der in der Politik als Schwäche gilt.

Sie war schrill, frech, fröhlich, alles, was man in der Politik nicht sein darf, nicht in Deutschland. Nahles liess an Temperament heraus, was die in Sachlichkeit erstarrte Merkel unterdrücken musste. So verstand man sich gegenseitig, komplementär – zwei feine Charaktere.

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