Oh Angela, oh Margot

Angela Davis war eine linke Heldin, Ikone und Kommunistin. Im Pantheon der afroamerikanischen Aktivisten rangiert Davis auch heute hoch oben. Ihr wurde sogar eine Ausstellung gewidmet.

Martin Suter: «Die kugelrunde Afro-Frisur und die vollen Lippen der amerikanischen Politheldin hatten es mir angetan.»

Martin Suter: «Die kugelrunde Afro-Frisur und die vollen Lippen der amerikanischen Politheldin hatten es mir angetan.»

(Bild: Keystone Matilde Campodonico)

Martin Suter@sonntagszeitung

Wer ehrlich zu sich selber ist, kann auf jugendliche Fehltritte nicht stolz sein. Eine meiner Verirrungen bestand darin, auf der Innenseite der Tür zum Kinderzimmer mit Tusche ein über­dimensioniertes Porträt von Angela Davis zu malen. Die kugelrunde Afro-Frisur und die vollen Lippen der amerikanischen Politheldin hatten es mir angetan.

Spielte für mich eine Rolle, dass ­Angela Davis damals, Ende der 1960er-­Jahre, mit dem US-Gesetz in Konflikt kam? Dass sie am Kidnapping eines Richters beteiligt war? Dass sie die Schrotflinten beschaffte, mit denen der Richter schliesslich getötet wurde? Wohl schon. Angela Davis war eine linke Ikone. Als Idol verkörperte sie, was der Schriftsteller Tom Wolfe 1970 in den Ausdruck «radical chic» fasste.

Kommunismus ist out

Seither habe ich die einstige ­Ver­blendung überwunden. Kommunismus ist für mich radikal out, auch als ideologisches Vehikel im Dienst der Schwarzenbewegung. Und Angela Davis war bis 1991 Kommunistin. 1980 und 1984 wollte sie auf dem Ticket der kommunistischen Partei Vize­präsidentin werden.

Im Pantheon der afroamerikanischen Aktivisten rangiert Davis dennoch hoch oben. Die Bibliothek der California State University in Fullerton widmete der 75-Jährigen vergangenen Monat eine ganze Ausstellungsvitrine. Heutige Studenten entdecken bei der späteren Professorin nichts Störendes am tätlichen Einsatz für eine menschenfeindliche Ideologie.

Ostberlin als Fürsprecher von Angela Davis

Wie dem «Wall Street Journal» auffiel, zeigte dieselbe Uni-Bibliothek gleichzeitig eine Ausstellung über die DDR. Uniformen, Flaggen, Fotos und ­Plakate illustrierten das inhumane Regime des kommunistischen Deutschland, dem heute nur hoffnungslose Nostalgiker eine Träne nachweinen.

Unerwähnt blieb in den zwei Ausstellungen, dass Ostberlin zu den lautesten Fürsprechern von ­Angela Davis zählte. Staatliche Medien und Organisationen führten eine Kampagne für die damalige Angeklagte. Später lud Generalsekretär Erich Honecker Davis in die DDR ein und verlieh ihr einen Verdienstorden. Honeckers Frau Margot, damals Ministerin für Volksbildung, teilte 1973 auf einem Jugendfestival strahlend die Bühne mit Angela Davis.

Margot trug den Schimpfnamen lila Hexe, sie war verhasst. Angela ist ein Star und wird angehimmelt. Die zwei Frauen repräsentieren Wirklichkeit und Fantasie des Kommunismus. Sie sind aber die zwei Seiten ­derselben Medaille. Und die gehört ins Altmetall der Geschichte.

Basler Zeitung

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