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Neue Normalität Sterbehilfe

Die Zahl der begleiteten Suizide in der Schweiz ist massiv gestiegen. Ist die Sterbehilfe bald so akzeptiert wie der Schwangerschaftsabbruch?

Ansicht eines Sterbezimmers der Sterbehilfeorganisation Dignitas. (Archiv)
Ansicht eines Sterbezimmers der Sterbehilfeorganisation Dignitas. (Archiv)
Gaëtan Bally, Keystone

Im letzten Jahr haben in der Schweiz 999 Menschen mit hiesigem Wohnsitz einen begleiteten Suizid begangen. Dies berichtete die «NZZ am Sonntag» unter Berufung auf die Angaben der drei grossen Sterbehilfeorganisationen. Im Vergleich mit 2014 entspricht das einer Zunahme von 35 Prozent; sogar fast einer Vervierfachung seit 2008.

Möglicherweise sei dies aber erst der Anfang einer Entwicklung, so die Einschätzungen von Georg Bosshard, Leitender Arzt an der Klinik für Geriatrie des Universitätsspitals Zürich. Bosshard, der im Rahmen eines Nationalfondsprojekts über medizinische Entscheidungen am Lebensende forscht, zieht gegenüber der Zeitung einen Vergleich mit dem belgischen Flandern: Dort scheide schon heute jeder Zwanzigste mittels Sterbehilfe aus dem Leben; die Zahlen in der Schweiz könne in zehn Jahren im ähnlichen Bereich liegen.

Freiwillig den Weg des eigenen Lebens beenden: Blick auf eine Berglandschaft im Kanton Nidwalden. (Symbolbild: Keystone)
Freiwillig den Weg des eigenen Lebens beenden: Blick auf eine Berglandschaft im Kanton Nidwalden. (Symbolbild: Keystone)

Denn die Sterbehilfe wird in der Schweiz mittlerweile toleriert, es wird offen darüber geredet. Der assistierte Suizid dürfte deshalb gemäss «NZZ am Sonntag» bald ähnlich akzeptiert sein wie der Schwangerschaftsabbruch, was einen Wertewandel in der Gesellschaft widerspiegle. Erwähnt wird die Babyboomer-Generation, die jetzt ins Alter komme und ihr Leben lang eigenständig gelebt habe und die Verantwortung fürs eigene Leben bis zum Schluss nicht aus der Hand geben wolle.

Die Kirche verurteilt den assistierten Suizid noch wie vor scharf, hat aber mittlerweile an Einfluss in der Gesellschaft verloren. Und selbst innerhalb der Kirche wird diametral diskutiert. Der Theologe Frank Mathwig kritisiert den hohen Stellenwert der Selbstbestimmung und beklagt den Verlust des Skrupels, aus dem Leben zu scheiden. Die Suizidhilfe führe zu einer Veränderung unserer Wahrnehmungen von Normalität, so Mathwig. Anders sieht es sein Kollege, Hans Küng, der seit Jahren um die Erneuerung der katholischen Kirche kämpft. Der 88-Jährige, der an Parkinson leidet, hat bereits angekündigt, eine Sterbehilfeorganisation in der Schweiz in Anspruch zu nehmen, wenn es sein Zustand erfordere.

Gesetzlich nicht klar geregelt

Zunehmend wollen auch Menschen, die nicht schwer krank sind, selber über ihren Tod entscheiden. Sie machen heute rund einen Drittel aller Sterbehilfe-Fälle aus. Es sind Menschen, die an mehreren Erkrankungen leiden, Demenzkranke, aber auch Lebensmüde mit Altersgebrechen. Und es sind die Ärzte, die gemäss ihren Richtlinien darüber entscheiden, wem sie das Sterbemittel verschreiben.

«Eine unbefriedigende Situation», findet der Zürcher Moralphilosoph Peter Schaber von der Universität Zürich. Der Staat sei in der Verantwortung, eine Regelung zu formulieren. Die staatliche Gemeinschaft müsse entscheiden, ob jemandem die tödliche Dosis verabreicht werden dürfe oder nicht, so Schaber. Der Geriater Bosshard sieht das ähnlich: Als Arzt könne er Diagnosen über Krankheiten stellen, doch zur Frage der Lebensmüdigkeit könne er nicht mehr sagen als ein Soziologe oder Psychologe.

Der Ruf nach einer staatlichen Regelung wird somit immer lauter. Ob sich der Bundesrat der schwierigen Frage in naher Zukunft nochmals annimmt, bezweifelt die «NZZ am Sonntag» allerdings. Vor fünf Jahren hat der Bundesrat entschieden, auf eine gesetzliche Regelung der organisierten Suizidhilfe zu verzichten. Dennoch werde der Anstieg der Sterbehilfefälle sowie der zunehmend bedeutende Aspekt der Lebensmüdigkeit Fragen auf, die der Gesetzgeber über kurz oder lang beantworten müsse. Davor könne er sich nicht drücken.

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