Muslime leisten mehr Flüchtlingshilfe als Christen

Christen, Muslime oder Atheisten? Eine Studie untersuchte die Rolle der Religion für die Flüchtlingshilfe. Der Befund ist eindeutig.

Grosses soziales Engagement: Türkinnen in Köln spenden für Flüchtlinge.

Grosses soziales Engagement: Türkinnen in Köln spenden für Flüchtlinge.

(Bild: Keystone)

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Der Hype war von kurzer Dauer, aber er war da: Im Sommer 2015 verging keine Woche, in der nicht wieder eine neue Initiative für die Flüchtlingshilfe gestartet wurde. Projekte wie «Tsüri hilft» mobilisierten vornehmlich eine junge, einheimische Bevölkerung. Viele Studenten, die in ihren Semesterferien in die Krisengebiete Osteuropas reisten, um Nothilfe zu leisten. Interrail-Reisende, die für ein paar Tage in einem Flüchtlingscamp haltmachten.

Es war die Zeit, als die prekäre humane Situation auf der sogenannten Ostroute ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Die Hotspots hiessen Idomeni in Griechenland oder Preševo an der serbisch-mazedonischen Grenze. Die dortigen Flüchtlingslager waren masslos überfüllt – die Bilder gingen um die Welt, viele Europäer wollten nicht einfach mehr nur zuschauen. Auch hierzulande schlug die Stunde der Altruisten: Vereine wie Solinetz verzeichneten einen einzigartigen Mitgliederzuwachs.

Fast 50 Prozent der Muslime leisteten Nothilfe

Der Trend zur Flüchtlingshilfe ist inzwischen abgeflacht. Interessant erscheint in diesem Kontext, was von der Solidarität übrig geblieben ist. Respektive in welcher Bevölkerungsgruppe sie am meisten verbreitet ist. Die Bertelsmann-Stiftung hat zu diesem Zweck die Rolle der Religion für die Flüchtlingshilfe untersucht. Von wem wird das Prinzip der Nächstenliebe am stärksten gelebt? Sind es Christen, Muslime oder Atheisten? 10'000 Menschen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Grossbritannien, der Türkei und der Schweiz wurden befragt.

Die Studie kommt zu einem eindeutigen Befund: Muslime engagieren sich stärker für Flüchtlinge als Christen. Fast jeder zweite befragte Muslim (44 Prozent) gab an, sich im vergangenen Jahr für Geflüchtete engagiert zu haben. Unter den Christen waren es demnach nur 21 Prozent, unter den Konfessionslosen 17 Prozent. Damit seien Muslime «wichtige Brückenbauer in unserer Gesellschaft», heisst es im Religionsmonitor der Stiftung, aus dem die Daten stammen.

Dass sich Muslime in der Flüchtlingshilfe engagieren, ist nicht neu. Häufig wird jedoch der Vorwurf genannt, dass der soziale Kontakt zur religiösen Einflussnahme missbraucht wurde. Ein Thema mit Sprengkraft: Immer wieder ist die Rede von Flüchtlingen, die in Asylzentren von Islamisten radikalisiert würden. Menschen in Not, die besonders empfänglich für Propaganda sind – umso mehr, wenn sie dafür gleichzeitig tatsächliche Nothilfe erhalten.

Falsche Freunde in der Flüchtlingshilfe?

Deutsche Verfassungsschützer warnen explizit vor «falschen Freunden in der Flüchtlingshilfe» und bieten Informationen zu islamistischen Anwerbeversuchen. In der Schweiz machte sich der deutsche Journalist Shams Ul-Haq einen Namen, als er Undercover in die hiesigen Flüchtlingsheime eintauchte und über angebliche Radikalisierungen berichtete.

Die Bertelsmann-Studie kommt nun zu einem anderen Schluss. Die grosse Mehrheit der befragten Muslime werbe für eine offene Haltung gegenüber anderen Religionen. Allenfalls bei ein bis zwei Prozent der Helfer könne von einer Absicht gesprochen werden, Geflüchtete zu radikalisieren, erklärt die Stiftung. Ob sich jemand einsetzt, hängt demnach stark von der Entfernung zu einer Flüchtlingsunterkunft ab. Wer in der Nähe einer solchen Einrichtung wohne, engagiere sich deutlich häufiger als jemand, der weiter weg wohne. Die Studie zum Engagement in der Flüchtlingshilfe ist eine erste Veröffentlichung auf Grundlage dieser Daten. Weitere Studien sollen folgen.

baz.ch/Newsnet

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