Mit der Neunerprobe gegen Fake News

Fake News gehören heute zur Tagesordnung. Wie kann man sie umgehen? Mit einer einfachen Rechnung ist es möglich festzustellen, was stimmt und was nicht.

Auch hier wurde schon geschummelt: Zu hohe radioaktive Strahlungen wurden von einem Umweltschützer gemessen.

Auch hier wurde schon geschummelt: Zu hohe radioaktive Strahlungen wurden von einem Umweltschützer gemessen.

(Bild: Urs Jaudas)

Thomas Gubler

Hätten die Grundsätze unseres journalistischen Lehrmeisters in den Neunzigerjahren weltweit etwas mehr Beachtung gefunden, würden wir heute nicht unter der Fake-News-Plage leiden. Zwar gehörte schon damals bei kriegerischen Ereignissen die Wahrheit zu den ersten Opfern. Inzwischen hat sie bei gewissen Politikern aber auch in Friedenszeiten einen schweren Stand. Dabei waren die Regeln unseres Zuchtmeisters, eines Naturwissenschaftlers, denkbar einfach.

Man vergleiche eine unbestätigte Nachricht mit dem Resultat einer mathematischen Rechenaufgabe und stelle sich im Sinne einer Art Neunerprobe folgende Fragen: «Kann das stimmen? Ist das überhaupt möglich?» Fällt die Antwort negativ aus, erübrigen sich alle weiteren Nachforschungen. Allerdings ist die Antwort nicht immer so einfach. Manchmal erfordert sie Erfahrung und Kenntnisse. Genau das mussten wir Jungspunde damals ziemlich schmerzhaft erfahren.

Es war die Zeit, als die schweizerischen Atomkraftwerke jeweils unter dem grossen Widerstand von Greenpeace abgebrannte Brennstäbe in Castor-Behältern per Eisenbahn zur Wiederaufbereitung nach Sellafield (GB) oder La Hague (FR) transportierten. Unter den kritischen Augen der Greenpeace-Leute, die ständig Messungen im Bereich des Eisenbahn-Waggons durchführten.

Und eines Tages wollten die Umweltschützer geradezu eine exorbitant hohe radioaktive Strahlung gemessen haben. Die Zahl, die den Grenzwert um das Zigfache überstieg, gelangte umgehend an die Medien. Wir waren schon im Begriff, das ganze Blatt umzustellen und quasi den Atomnotstand auszurufen, als der Lehrmeister das grosse «Halt!» sprach. Gar nichts würden wir tun. Einfach, weil dieser Messwert nicht stimmen könne. Unser Protestgeheul überstieg jedes Mass. Wir verfluchten unseren staats- und wissenschaftsgläubigen Chef.

Bis verschämt das Dementi eintraf. Der unglückliche Greenpeace-Mann hatte mit einer falschen Skala gemessen und – als würde man mit dem Barometer die Temperatur messen – einen viel zu hohen Wert erhalten.

Basler Zeitung

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