Mein Freund, der Baum

Wälder können CO2 speichern – aber effizienter ist es, das Treibhausgas zu vermeiden. Dafür müssten die Menschen aber ihr Verhalten ändern.

Eine Fläche fast so gross wie die USA stünde für die Aufforstung zur Verfügung, ohne dass Städte oder die Landwirtschaft beeinträchtigt würden, wie ein Forscherteam darlegte. (Foto: Getty Images)

Eine Fläche fast so gross wie die USA stünde für die Aufforstung zur Verfügung, ohne dass Städte oder die Landwirtschaft beeinträchtigt würden, wie ein Forscherteam darlegte. (Foto: Getty Images)

Mit einem Mal scheint die Lösung für die Klimakrise gefunden zu sein: Bäume pflanzen. Die grünen Lungen des Planeten sollen das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre filtern und in klimaneutrale Biomasse verwandeln. Problem gelöst. So zumindest stellen das Leute dar, die gern so weitermachen würden wie bisher, ohne Einschränkungen in Konsum und Verhalten. Doch leider ist diese Lösung zu schön,um zu funktionieren.

Das fängt bereits bei der Grösse des Problems an: Ein Forscherteam hat dargelegt, wie viel Platz auf der Erde vorhanden wäre, um Wälder anzulegen, die als CO2-Speicher dienen könnten. Eine Fläche fast so gross wie die USA stünde demnach für die Aufforstung zur Verfügung, ohne dass Städte oder die Landwirtschaft beeinträchtigt würden. Gut zwei Drittel des von Menschen in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten verursachten Treibhausgases sollen auf diesen Freiflächen angepflanzte Bäume aufnehmen können. Wenn diese Berechnung der Überprüfung standhält, was einige Wissenschaftler bereits bezweifeln, die nicht an der Studie beteiligt waren, dann würde das tatsächlich ausreichen, um den Klimawandel zu bremsen. Allerdings nur unter der unbequemen, aber entscheidenden Voraussetzung, dass die Menschen aufhören, weiter CO2 in die Atmosphäre zu pusten.

Wälder können zwar Kohlendioxid aufnehmen und im Holz binden – aber eben nur in begrenzten Mengen während ihrer bis zu 100 Jahre dauernden Wachstumsphase. Will die Menschheit mit ihrem CO2-Ausstoss weitermachen wie bisher, dann müsste sie alsbald die zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA freiräumen, um dort Bäume zu pflanzen. Der Irrsinn ist ganz offensichtlich.

«Unterlässt man die Pflege, werden die Wälder zu Zeitbomben.»

Und nicht nur das. Es genügt nicht, einfach ein paar Samenkapseln über geeigneten Regionen abzuwerfen. Die Flächen müssten auch gepflegt werden. Nur um den absurden Aufwand einmal zu veranschaulichen: Weltweit wurden im vergangenen Jahr etwa 37 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt. Legt man die Daten der aktuellen Studie zugrunde und überschlägt das grob, müsste dafür eine Fläche etwa zweimal so gross wie das deutsche Staatsgebiet neu bewaldet und anschliessend gehegt werden.

Unterlässt man die Pflege, werden die Wälder zu Zeitbomben: In Russland, wo die meiste Fläche für Aufforstungen zur Verfügung stünde, haben in den vergangenen Jahren riesige Waldbrände gewütet, die den Klimawandel zusätzlich beschleunigen. Nur sorgfältige Bewirtschaftung der Klimaschutzwälder könnte solche Katastrophen verhindern.

«Politik, die solche Studien nicht berücksichtigt, ist nicht weitsichtiger als ein Schwarm Heuschrecken, der über einen Acker herfällt.»

Klimaschutz kostet, das ist klar. Längst haben Ökonomen durchgerechnet, dass es billiger wäre, man würde jetzt entschlossen etwas tun, um die Klimakatastrophe doch noch abzuwenden, als sich später mit den Folgen arrangieren zu müssen. Berechnungen zeigen auch, dass es billiger ist, Kohlendioxid zu vermeiden, als das Treibhausgas später wieder aus der Atmosphäre zu holen, etwa durch Aufforstung des Planeten. Politik, die solche Studien nicht berücksichtigt, ist nicht weitsichtiger als ein Schwarm Heuschrecken, der über einen Acker herfällt.

Bäume können einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, das stimmt. Aber nur, wenn der Mensch auch seinen Teil tut und weniger Treibhausgase produziert. Und endlich anfängt, die bestehenden Wälder zu schützen.

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