Magersüchtige Veganer-Mädels

Experten sind beunruhigt, dass schon Kinder der Magersucht verfallen - auch, indem sie sich plötzlich vegan ernähren.

Bei Kindern sind die Langzeitschäden von Magersucht noch viel gravierender als bei erwachsenen Frauen. Foto: AP

Bei Kindern sind die Langzeitschäden von Magersucht noch viel gravierender als bei erwachsenen Frauen. Foto: AP

Michèle Binswanger@mbinswanger

Es sind schmerzhafte Gestalten. Magersüchtige erkennt man schon von weitem: an ihren wehenden Kleidern um den klappernden Körper. Die Gesichter sind streng und verschlossen, der Blick hat etwas Durchdringendes. Es ist eine unheimliche Krankheit, für Gesunde nicht nachvollziehbar. Wie kommt man dazu, sich in einer Überflussgesellschaft zu Tode zu hungern?

Bislang trat Magersucht am häufigsten bei Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren auf. Seit einigen Jahren aber gibt es eine neue Tendenz: Die Erstpatientinnen werden immer jünger. Das zeigen neue Auswertungen aus Deutschland, davon berichten die Fachleute auch in der Schweiz. Schon achtjährige Mädchen landen teilweise in der Klinik, weil sie nur sehr restriktiv essen, fanatisch Sport treiben, krankhaft dünn sind und sich dennoch zu dick finden. Auch bei den 10- bis 12-Jährigen steigen die Fallzahlen und die stationären Aufenthalte.

Die Ursachen sind vielfältig. Aber die schnelle Erklärung, zu dünne Models seien daran schuld, greift zu kurz. Berichte über Magersucht kennt man schon aus Zeiten, als das Schönheitsideal noch deutlich fülliger war. Leistungsdenken hingegen gab es damals schon – und heute mehr denn je. Denn der geschönten Instagram-Welt, dem stetig wachsenden Druck, perfekt auszusehen, gut in der Schule und beliebt zu sein, können sich Junge immer weniger entziehen. Oft sind es besonders ehrgeizige, zielstrebige und perfektionistische Menschen, die an Magersucht erkranken, Mädchen sind besonders betroffen. Bei vielen wächst sich die Krankheit nach der Pubertät aus – wenn nicht, kann sie tödlich enden.

Wer nicht ins Schema passt, wird gehänselt

Erschwerend kommen populäre Ernährungstrends hinzu, die dazu dienen, Essverweigerungen zu rechtfertigen. Besonders beliebt etwa ist der Veganismus. Das sagen nicht nur Psychiaterinnen wie Claudia Gramesbacher jüngst in der «Tageswoche». Auch in sogenannten Pro-Ana-Foren (Pro-Anorexie) wird Veganismus empfohlen, um eine reduzierte Kalorienaufnahme etwa vor misstrauischen Eltern zu rechtfertigen. Oftmals fängt die Krankheit mit einer erfolgreichen Diät an, die dann ausser Kontrolle gerät. Aber Gramesbacher sagt ganz klar, dass Veganismus oft als Einstieg in die Krankheit dient. Gerade auch bei den ganz jungen Mädchen. Sie sind besonders empfänglich für solche Botschaften, denn Veganismus verspricht nicht nur Kalorienreduktion, sondern verheisst zugleich Engagement für eine bessere Welt.

Das ist besonders tückisch. Denn die Krankheit bedient sich so an Ver­haltensweisen, die in unserer Gesellschaft viel gelten: Nur wer diszipliniert ist und nie aufgibt, kann es zu etwas bringen. Wer regelmässig Sport treibt, hält sich fit. Wer auch mal auf etwas verzichtet, beweist Selbstkontrolle, und auf tierisches Eiweiss zu verzichten, hilft der Umwelt und den Tieren. Verschwiegen wird, dass das oft ein Vorwand ist, hinter dem eine ernste Essstörung lauert.

Sicher ist, dass Mädchen schon sehr früh ihren Selbstwert an ihr Erscheinungsbild heften. Schon in der ­Primarschule wird gegenseitig ver­glichen und taxiert; wer nicht ins Schema passt, wird als dick gehänselt. Manchmal reicht schon eine solche Kränkung, um die Krankheit zu ­lancieren. Und auch wenn Kinder noch keine Kalorien zählen, verinnerlichen sie schnell, dass Essen dick macht. Und dass Sport dagegen hilft. Und nicht Essen.

Folgen bei Kindern weit gravierender

Gerade bei Kindern gehe Magersucht oft mit Leistungssport einher, sagt etwa die deutsche Jugendpsychotherapeutin Beate Herpertz-Dahlmann. Oft betrifft es Mädchen, die die besten sein wollen. Besser als alle anderen. Und sie beeinflussen das, was sie beeinflussen können und von dem sie gelernt haben, dass es ihre Leistung verbessert: Ihr Gewicht. Also beginnen sie auf Süsses zu verzichten. Oder sie weichen auf sogenannt gesundes Essen aus. Und irgendwann schaltet das Gehirn um, und ihr Leben beginnt sich nur noch um die Frage zu drehen, wie viel oder wenig sie zu sich genommen haben. Und wie dick oder eben nicht sie sind.

Fatalerweise sind die Folgen einer Magersucht bei Kindern weit gravierender als bei Jugendlichen. Durch ihren geringeren Körperfettanteil wird die Krankheit schnell lebensbedrohlich, das Wachstum kann stoppen, es drohen Langzeitschäden wie Osteoporose. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder vor allem Kinder sein lassen und hellhörig werden, wenn sie sich plötzlich fanatisch geben. In welcher Hinsicht auch immer.

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