Männerstreik?

Knaben und Männer werden zunehmend ­ausgegrenzt – ideologisch in Medien und Schulbüchern, faktisch in der Bildungs- und Arbeitswelt. Die Folge ist, dass sie sich zunehmend verweigern.

Es wäre gesellschaftlich produktiv, sich an ein Umdenken über die reale Wertigkeit des Männlichen zu wagen.

Es wäre gesellschaftlich produktiv, sich an ein Umdenken über die reale Wertigkeit des Männlichen zu wagen.

(Bild: Keystone)

Der grosse Basler Zoologe Adolf Portmann hat schon vor Jahrzehnten immer wieder eindringlich darauf hingewiesen, dass wir uns als biologische Mängelwesen Bilder selber erschaffen müssen, um uns in der Welt überhaupt orientieren zu können. Die moderne Neurobiologie geht noch weiter und definiert menschliches Leben als notwendigerweise Bilder generierenden Prozess. Das Bild, das wir von uns haben, ist ­identitätsstiftend. Ist dieses Bild negativ und ­verächtlich, führt es zu Identitätsstörungen.

Diesen allgemeinen Tatbestand aus der ­Anthropologie lässt sich aktuell am besten an der Veränderung des Männerbilds demonstrieren. Galten Männer noch bis weit in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts primär als Schöpfer der ­Kultur, Entdecker, Weise oder Staatenlenker, so setzte mit dem Beginn des Feminismus eine grundlegende Umwertung von Männlichkeit ein. Männer werden seither vorgestellt als Zerstörer der Natur, Kriegstreiber, Gewalttäter, Kinderschänder oder – in der Werbung – als Trottel.

Knaben und Männer werden zunehmend ­ausgegrenzt – ideologisch in Medien und Schulbüchern, faktisch in der Bildungs- und Arbeitswelt. Die Folge ist, dass sie sich zunehmend verweigern. Vor diesem Trend haben weitsichtige Soziologen wie Ralf Dahrendorf schon vor rund 30 Jahren gewarnt. Hatte Dahrendorf noch ­überschaubare Gruppierungen von «angry young men» in Grossbritannien beschrieben, gibt es inzwischen ganze Stadtviertel, die von diesen «Aussteigern» geprägt werden.

Verunsicherte Männer

Die Entwicklung trägt sich auch zunehmend in die grossen Städte der deutschsprachigen Länder. Das «Berlin-­Institut für Bevölkerung und Entwicklung» hat in seiner Studie «Not am Mann» vor allem anhand der Situation in den neuen Bundesländern «eine Schicht von überwiegend männlichen Personen» ausgemacht, «die sich mit minimalen Bedürfnissen einrichten und am allgemeinen gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen». Verunsicherte Männer sind auch zögerlich, eine ­Partnerschaft einzugehen und sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Viele junge Männer trauen es sich einfach nicht mehr zu, für Familie und Kinder verantwortlich zu sein. Arbeitgeber klagen über ihre männlichen Auszubildenden. Ihnen fehle es an Disziplin, Wille zur Kontinuität, Standfestigkeit und Frustrationstoleranz.

Die amerikanische Psychologin Helen Smith hat sich diesem Phänomen in ihrem Bestseller «Men on Strike» gewidmet, das demnächst auch auf Deutsch zugänglich sein wird. Die zunehmende Arbeits-, Familien- und Leistungsverweigerung von Männern in den USA interpretiert sie als «Streik» gegen die inflatorische Abwertung der Männlichkeit. Über diese Interpretation kann man streiten, nicht aber über die Folgen der Entwicklung. Sie lässt sich in einem soziologischen ­Dreisatz fassen: Desintegration = Dezivilisierung = Anomie. Desintegration heisst das «Ausklinken» der Männer aus der gesellschaftlichen Verantwortung; Dezivilisierung bedeutet zunehmende Verwahrlosung. Letztere führt schliesslich in den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung (Anomie). Diese Gefahr besteht inzwischen real.

Insofern wäre es gesellschaftlich produktiv, sich an ein Umdenken über die reale Wertigkeit des Männlichen zu wagen. Damit das gelingen kann, müssten aber die Männer auch für ihre ­eigenen Belange einstehen. Das, was Helen Smith «das Schwinden des männlichen Raums» nennt, hat auch damit zu tun, dass Männer sich zu wenig um ihre eigenen Belange kümmern: «Männer haben die Bereiche Sex, Gender, ­Beziehungen und Reproduktion einfach Frauen überantwortet und sie die Regeln aufstellen ­lassen. Damit muss Schluss sein. Sie müssen ­verstehen, wie viel Macht es verleiht, diese Bereiche zu kontrollieren» (Smith).

Basler Zeitung

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