Lob oder Tadel der Gewalt

Gewalt abzulehnen ist so unsinnig, wie gegen Tsunamis, Erdbeben oder Flugzeugabstürze zu sein.

Proteste in Venezuela gegen die Gewaltherrschaft von Staatspräsident Maduro.

Proteste in Venezuela gegen die Gewaltherrschaft von Staatspräsident Maduro.

(Bild: Keystone)

Es herrscht oberflächlicher Konsens: Gewalt ist kein Mittel, um einen Zweck zu befördern, nicht mal den edelsten. Gewalt in der Ehe, Gewalt auf der Strasse, Gewalt in politischen Auseinandersetzungen, Gewalt in Form von Aufständen, Revolutionen, Kriegen: Da ist der zivilisierte Mensch dagegen, das ist ein Rückfall in Barbarei, Willkür, Faustrecht. Zivilisiert ist, alleine auf die Kraft des Wortes, der Stimme, des Arguments zu vertrauen. Auch gegen Barbaren, die Gewalt anwenden.

Gewalt ist durch nichts zu legitimieren, nichts ist «edel genug, um das Blut anderer dafür zu vergiessen», schrieb Markus Somm («Wenn die Faschisten marschieren»; BaZ 15. 7. 17) und meinte damit sicher auch das eigene Blut. Eine hehre Haltung. Nur ist sie völlig realitätsfremd, schlimmer noch: falsch. Wenn menschliche Knochen nicht mit der Zeit verwesten, würden unter jedem unserer Schritte die Gebeine von Gewaltopfern knirschen. Selbst in der seit Marignano eher friedlich gestimmten Schweiz wurde unser aktuelles politisches System mit Gewalt, mit Waffengewalt erkämpft.

Triumph oder Niederlage

Seit die Menschheit dazu in der Lage ist, über sich selbst zu reflektieren, wird Gewalt nicht nur angewendet, sondern auch legitimiert. Der Anfang liegt viel weiter zurück als das biblische «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Gewalt als Notwehr, Gewalt gegen Gewalt, Gewalt in Form des Gewaltmonopols einer herrschenden Gesellschaftsordnung, strukturelle Gewalt in jeder Form, Gewalt umgibt uns wie die Luft zum Atmen. «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.» Es gibt ein Meer von Begründungen, die die Anwendung von Gewalt legitimeren, nicht zuletzt begründet sie sich selbst durch ihr blosses Vorhandensein.

Selbst der Friedensnobelpreisträger Barack Obama zeichnete in seiner Amtszeit, wie sein Vorgänger, wöchentlich ein Kill-List ab, die Ermordung von des Terrorismus Verdächtigten, weltweit, unter Inkaufnahme von Kollateralschäden. Die Todesstrafe ist Gewalt, jede Form von Herrschaftsausübung, wie auch immer legitimiert, beinhaltet Gewalt. Selbst im harmlosen Begriff «Verwaltung» ist der Bedeutungskern von Gewalt enthalten. Jeder Aufstand gegen Unrecht, schon vor Spartakus und bis heute, kann gewalttätig sein. Von allen Weltreligionen, inklusive der christlichen, ganz zu schweigen. Triumph oder Niederlage entscheiden darüber, ob in der anschliessenden Geschichtsschreibung Gewalt als berechtigtes Mittel zum Erreichen eines edlen Ziels legitimiert – oder als Unrecht denunziert wird.

Niemand kann bestreiten, um das jüngste Beispiel der europäischen Geschichte zu nehmen, dass der mit Millionen Toten bezahlte Sieg über den Hitler-Faschismus vielleicht nicht edel, aber unbezweifelbar richtig, nötig, sinnvoll, ausserhalb jedes Zweifels gut war. War die Gewalt des Zarismus, um das zweite Jahrhundertereignis aus jüngster Vergangenheit zu bemühen, besser, gleichwertig oder zumindest weniger schlimm als die gewalttätige Oktoberrevolution? Ist die Sowjetunion wegen der Millionen Toten in Gulags und als Opfer des paranoiden Wüten Stalins zu verurteilen oder zu loben, weil dieses Land und seine Rote Armee den höchsten Blutzoll beim Niederringen des Bösen in seiner schrecklichsten Form entrichtet hat? Wenn es schon keine Gewaltfreiheit gibt, gibt es dann wenigsten gute oder böse Gewalt?

Wer ist für lediglich gewaltfreien Widerstand gegen die Gewaltherrschaft von Maduro in Venezuela, von Mugabe in Zimbabwe, für den gewaltfreien Umgang mit islamischen Wahnsinnigen in Mossul und anderswo? Wer plädiert für Gewaltfreiheit angesichts von Völkermord, gegen blutrünstige Diktatoren, gegen alle, die aus welchen Gründen auch immer der Meinung sind: Ein Mensch hat seine Existenzberechtigung verwirkt, der stört, nervt, ist überflüssig? Wer will ernsthaft fordern, dass die einzig richtige Haltung gegen linken und rechten Mob, gegen Gewaltherrscher, gegen Minderheiten, die Mehrheiten terrorisieren, ist: «Seid bitte friedlich, dann reden wir mal drüber und finden sicher ein Lösung?» Und wer ist gegen Gewalt, um die wenigen Errungenschaften unserer Zivilisation zu verteidigen? Wer möchte selbst die gesetzlich sanktionierte Notwehr, auch mit Gewalt, abschaffen?

Gegen Gewalt zu sein, Gewalt abzulehnen, das ist so unsinnig, wie gegen Tsunamis, Erdbeben oder Flugzeugabstürze zu sein. Wer ist das nicht. Wer gegen Gewalt ist, macht es sich zu einfach. Ist sich des Applauses von fast allen sicher, auch des Mörders. Auch des Gewaltherrschers. Auch des Friedensnobelpreisträgers Obama. Vielleicht sogar von einigen Lumpen des schwarzen Blocks, der in Hamburg wütete und wieder einmal die unsägliche Diskussion über Gewalt und die Gründe für ihre Anwendung mit Molotowcocktails befeuert hat. Zu Ende gedacht ist ein Gegner von Gewalt damit Befürworter von Gewalt, duldet ihre Anwendung zumindest. Ist für Polizeigewalt oder sogar für die Gewalt marodierender Horden. Diese Art der Debatte ist so sinnvoll wie eine Erörterung, ob Sonne oder Regen hilfreicher beim Wachstum eines Salatkopfes sei.

Haltung zeugt von Dummheit

Gewaltanwendung ist verächtlich und unter keinem Titel zu rechtfertigen. Diese Haltung zeugt von gewaltiger, geradezu gewalttätiger Dummheit. Ist realitätsblind, wird von der Kanzel des Elfenbeinturms verkündet, der in den wenigen Gebieten der Welt steht, wo Gewalt nicht Alltag ist. Diese Haltung befindet sich vor der Debatte, die immer wieder aufs Neue geführt werden muss. Im Meer von Gewalt, das uns umgibt: Wann ist Gewalt zu loben, wann ist sie zu verurteilen? Wogegen ist Widerstand legitim, notwendig, alternativlos, wann darf er auch Gewalt enthalten?

Zur Verteidigung wovon darf Gewalt angewendet werden? Gewalt macht ein Ziel weder verächtlich, noch legitimiert sie es. Selbst wer nach dem anderen Satz der Bibel lebt und die linke Wange hinhält, nachdem ihm auf die rechte geschlagen wurde, kann nicht ernsthaft glauben, dass sich dieses Verhalten als Richtschnur für alle durchsetzen liesse. Ein edles Ziel, aber nicht verwirklichbar. Auch auf dem Weg dorthin muss die Gewaltfrage immer wieder diskutiert werden. Während überall und jederzeit Gewalt angewendet wird.

Basler Zeitung

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