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Lindas letzter Weihnachtsbaum

Linda werkelte drei Wochen. Als die Tanne fertig geschmückt war, zeigte sie auf den Baum: «Wenn ich nix mehr bin, bring mir auf Grab …» Eine Weihnachtsgeschichte.

Linda wollte keinen Weihnachtsbaum. Sie besuchte zu jener Zeit die Bibelstunden einer Sekte. Predigte das Alte Testament. Und fauchte mich an, als ich am 24. Dezember einen ziemlich dörren Besen heimschleppte: «Steht nix in bibeliges Buch von Baum. IST STALL MIT ESEL. Und vieles Engel mit Trompetig aus Himmel. Alles dieses Kugelig und dummes Vogelchen an Astig ist Heidenzeugig! Dies nix zu tun mit little Christ in Stroh!» Sie regte sich derart auf, dass ihr die Zigarettenasche auf den Boden fiel. Automatisch drehte sie mit ihren Absätzen das Aschgrau ins Blau des Spannteppichs: «Ist gut gegen Motten!», knurrte sie. Mein Spannteppich war eine Mischung aus eingestampfter Asche und abgelaufenem Acryl. So war Linda eben.

Natürlich hörte ich nicht auf ihr Gebrummel. Steckte die lausige Tanne in einen Glasständer. Und hängte allerlei Kügelchen, Vögel, Pilze und eine halb zerbrochene Glaskette dran. Der vergammelte Baumschmuck stammte von der Kembserweg-Omi. Als man ihr Bett aus dem roten Backsteinhaus trug und dieses ins Altersheim Abendfrieden zügelte, drückte sie mir zwei Schuhschachteln mit dem Glimmerzeug in den Arm: «Da nimms. Mein Bäumlein hat dir doch immer so gefallen … Es sind noch die alten Kugeln. Und die Kette, die in Brüche ging, als Lumpi sich ein Quittenwürstchen vom Baum schnappen wollte.» Lumpi war Omis Kater gewesen. Und alles nun passé.

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