Liebe geht auch durchs Portemonnaie

Eine neue Studie zeigt: Bei der Partnerwahl achten wir immer mehr auf gleiches Einkommen und gleiche Bildung. Was das für die Gesellschaft bedeutet, erklärt Co-Autorin Ursina Kuhn.

Obwohl sie nicht müssten, schauen Frauen auch heute noch oft auf den Geldbeutel des Mannes.

Obwohl sie nicht müssten, schauen Frauen auch heute noch oft auf den Geldbeutel des Mannes.

(Bild: iStock)

Sozialer Status ist laut Ihrer Studie ein wichtiges Merkmal bei der Partnerwahl. Das ist nicht sehr romantisch.
Nein, das ist es nicht. Das ist aber kein neues Phänomen. Wenn man in der Geschichte zurückschaut, waren Bildung und Einkommen schon lange Faktoren, welche die Partnerwahl bestimmten.

Was hat die Studie denn Neues herausgefunden?
Wir haben uns gezielt die einzelnen Bildungsniveaus angeschaut. Hier gab es grosse Verschiebungen. Markant mehr Personen haben über die letzten 20 Jahre einen tertiären Bildungsabschluss, also einen Uni-Abschluss, erreicht. Interessant: Diese Personen legen aber immer weniger Wert darauf, einen Partner oder eine Partnerin mit demselben Bildungsniveau zu finden.

Wer legt denn viel Wert auf die gleiche Bildung des Partners?
Vor allem tiefer gebildete Schichten bleiben zunehmend unter sich. Das liegt aber nicht daran, dass Personen mit einer obligatorischen Bildung keinen Partner oder keine Partner mit einem Universitätsabschluss wollen. Vielmehr wird für sie die Chance, einen besser gebildeten Partner zu finden, immer tiefer.

Wieso?
Darüber kann ich nur spekulieren. Früher war es spezieller, wenn man gut gebildet war. Tiefe Bildung hingegen war sozusagen normal für die Mehrheit der Bevölkerung. Heute hingegen hat sich das gewandelt. Bildung wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger. Weniger Bildung könnte ein Handicap bedeuten.

Die Zahlen zeigen aber auch: In 20 Prozent der Haushalte hat der Mann eine höhere Ausbildung als die Frau, in 12 Prozent hat die Frau eine höhere Ausbildung als der Mann. Eine Ungleichheit. Haben gut gebildete Männer Angst vor gut gebildeten Frauen?
Das ist eine Interpretation. Wahrscheinlicher ist aber, dass viele Frauen die Vorstellung haben, der Mann müsse mehr verdienen als sie. Bei den älteren Personen gibt es zudem mehr Männer als Frauen mit einer hohen Ausbildung.

Die Frau jagt also dem Geld und nicht dem Charakter des Mannes nach?
Geld ist wichtig, aber nicht das Einzige. Mit dem Einkommen und der Bildung sind auch bestimmte Rollenbilder verbunden. Traditionelle Rollenbilder finden sich eher in tieferen Einkommens- und Bildungsschichten.

«Eigentlich waren für die Frauen die Möglichkeiten noch nie so gut, der Romantik den Vorrang vor materiellen Überlegungen zu geben.»Dr. Ursina Kuhn, Sozialwissenschaftlerin

Trotzdem, es erstaunt mich, dass Frauen so stark aufs Finanzielle achten.
Ja. Man könnte meinen, dass das Einkommen des Partners für Frauen weniger wichtig ist als früher. Heute sind Frauen besser gebildet und finanziell unabhängiger. Eigentlich waren für die Frauen die Möglichkeiten noch nie so gut, der Romantik den Vorrang vor materiellen Überlegungen zu geben. Doch die Zahlen zeigen: Für Frauen spielt es noch heute eine grosse Rolle, wie viel der Partner verdient. Und auch für Männer ist es wichtig, wie viel eine Frau verdient und was sie kann.

Das passt zu einem weiteren Resultat der Studie: Männer mit tiefem Einkommen bleiben besonders häufig allein. Ist das nicht etwas klischiert? Der arme Schlucker kriegt keine ab, weil die Frau sich lieber einen Sugar Daddy sucht?
Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Zahlen ein anderes Bild zeigen. Doch auch das ist nichts Neues. Für schlechter verdienende Männer war es schon immer schwieriger, eine Frau zu finden. Bei den Singlefrauen finden sich dagegen eher viele Gutverdienende. Nur finden sich diese und die wenig verdienenden Männer eher nicht.

Weil sich, wie Sie im Titel der Studie sagen, Gegensätze eben nicht anziehen. Was bedeutet das nun für die Gesellschaft?
Die Ungleichheit innerhalb von Paarbeziehungen sinkt, jene zwischen den Haushalten aber wächst. Die gesellschaftliche Durchmischung sinkt, die Leute sortieren sich immer mehr. In der Schweiz ist der Einfluss der Paarbildung auf die Einkommensungleichheit zwischen den Haushalten aber noch immer geringer als in anderen Ländern und hat über die Zeit kaum zugenommen.

Was heisst das für uns als Individuen? Bei all diesen Datingapps kann man doch wunderbar angeben, welche Hobbys man hat, was man gerne isst, wohin man gerne verreist. Sollte man stattdessen einfach den Lohn angeben?
Ja nicht! Denn viel hängt auch vom Umfeld ab, davon, wo man sich bewegt. Der Lohn wirkt indirekter, als es in der Studie scheinen mag. Es gibt sogar andere Studien, die zeigen, dass beim Onlinedating weniger gleiche Paare entstehen als im realen Leben.

Glauben Sie denn noch an die Liebe und an Romantik, nachdem Sie diese Zahlen vor sich haben? Ja! Man kann sich in jemanden verlieben, der gleichzeitig die entsprechenden Ressourcen hat. Das schliesst sich nicht aus. Und auch wenn die Homogamie zugenommen hat, es gibt noch immer viele glückliche Paare, die einen ganz gemischten Hintergrund haben.

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