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Kein Volk von Busfahrern

Die Schweiz hat seit drei Wochen ein Fernbusnetz. Doch das Lebensgefühl des Busfahrens haben wir noch nicht verinnerlicht.

Was für Leute mit Familienangehörigen im Ausland selbstverständlich ist, haben Schweizerinnen und Schweizer ohne Migrationshintergrund noch nicht so verinnerlicht: Busfahren. Bild: Keystone
Was für Leute mit Familienangehörigen im Ausland selbstverständlich ist, haben Schweizerinnen und Schweizer ohne Migrationshintergrund noch nicht so verinnerlicht: Busfahren. Bild: Keystone

Die Fernbusse rollen nun auch in der Schweiz über die Strassen. Ein Wirtschaftsredaktor dieser Zeitung hat eine Probefahrt unternommen und festgestellt: Gross ist die Nachfrage noch nicht. Man habe bisher praktisch keine Werbung gemacht, verteidigt sich Roger Müri, der Geschäftsführer von Eurobus Swiss-Express, gegenüber dem testreisenden Redaktor.

Doch liegt es vielleicht an mehr als bloss der fehlenden Werbung, etwa daran, dass wir Schweizer einfach (noch) kein Volk von Busfahrern sind?

Unser Land ist klein, die längsten Zugstrecken, die man fahren kann, übersteigen die 10-Stunden-Marke kaum. Die Fahrt von einem Zipfel, Genf, in den anderen, Scuol Tarasp, dauert nicht einmal 6 Stunden. 20-Stunden-Busfahrten vom einen Ende des Landes ins andere, wie zum Beispiel von Istanbul nach Kars in der Türkei, kennen wir also nicht. Ist man Schweizer ohne Migrationshintergrund, aber mit gutem Einkommen, kommt es auch eher selten vor, dass man Verwandte im Heimatland, zum Beispiel Bulgarien, besuchen geht, das 32 Stunden im Bus von der Schweiz entfernt liegt. Ein paar Stationen mit dem Postauto fahren ist nicht vergleichbar.

Sozialisierung mit dem Bus

Ich hingegen – so wie wohl viele andere Kinder mit Eltern mit Migrationshintergrund – habe von Kindesbeinen an gelernt: Der Bus bringt Dinge aus der zweiten Heimat, die man nur schwer per Post verschicken kann, zum Beispiel Einmachgläser mit Pilzen oder Kohl, und der Bus ist auch unabdingbar, wenn man sich bereits im Heimatland der Verwandten befindet und sie dort besuchen geht – anders als in der Schweiz gibt es in Europa einige Gegenden, die per Zug nicht gut erschlossen sind. Stattdessen donnern dort überfüllte Minibusse über holprige schmale Landstrassen zwischen Dörfern hin und her, zumindest in Ostpolen, wo ich ab und zu hinfahre. Bequem ist das nicht immer. Aber die Leute sind ausdauernd, gelassen und geduldig. Meine Mutter würde sagen: «Kein Wunder, viele von ihnen haben den Kommunismus erlebt. Wir in Polen haben immer warten müssen. Auf alles.»

Die Pausen mitten in der Nacht sind ein Ritual. Alle steigen aus, strecken die Beine, rauchen, trinken «Makiato» oder Chai.

Auch beklagt sich niemand, wenn an einem Grenzübergang die Zöllner verlangen, dass alle Passagiere ihr Gepäck in der sengenden Mittagssonne auf dem Asphalt ausbreiten. Man ist sich das Warten gewohnt, wartet geduldig, bis die Zöllner wieder nichts gefunden haben, bedankt sich für die Rückgabe des Passes, steigt wieder ein, atmet auf und durch.

Auch auf dem Balkan ist Busfahren ein Ding. Der Bus ist das wichtigste erschwingliche Transportmittel, am Tag und in der Nacht – die Strecken können sich über mehrere Länder erstrecken und dementsprechend lang sein. Deshalb gibt es regelmässige Kaffeepausen. Sie sind ein Ritual. Auch mitten in der Nacht. Alle steigen aus, strecken die Beine, rauchen, trinken «Makiato» oder Chai. Kurz aufs Klo. Man leiht sich Papiertaschentücher. Danach steigen alle wieder ein, langsam, ächzend, «oiiih», «uuuhh». Aber immer noch geduldig.

Im Morgengrauen werden die Passagiere einer nach dem anderen dem Busfahrer sagen, wo sie gern aussteigen wollen. Das kann eine Autobahnausfahrt, ein Haus mitten im Wald oder eine Strassenecke in einem Vorort sein. Die Haltestelle ist dort, wo man sie braucht. Und was es immer umsonst gibt: Unterhaltung an Bord. Folklore, Turbo-Pop oder Liebeshymnen für alle. So lange, wie die Fahrt dauert.

Der Bus ist mehr als blosses Transportmittel für Passagiere. Er ist eine Institution.

Der Bus ist in einigen Gegenden mehr als blosses Transportmittel für Passagiere. Er ist eine Institution. Man schickt per Bus auch Ware von Dorf zu Dorf oder Stadt zu Stadt. Der Bus kann am Wegrand halten, einen Sack Obst oder auch mal eine Beinprothese einladen. Irgendwo an einer nächsten Station steht jemand, um die Sendung abzuholen. Auch meine Familie hat die eine oder andere «Torba» (Tasche) zwischen Polen und Zürich hin- und hergeschickt, beladen mit Einmachgläsern und Heringen für Heimwehgeplagte in der Schweiz oder mit warmen Goretexschuhen für kalte Winter in Polen.

Und es gibt weitere Busfahrsituationen, in denen die Solidarität zum Zuge kommt. Zum Beispiel dann, wenn ein Bus unterwegs kaputtgeht. Die Passagiere warten im Nirgendwo, dass etwas passiert. Stundenlang passiert nichts. Es wird geraucht, geredet, man spielt Karten, bietet sich Biskuits an, kundige Passagiere helfen, das Problem und die Lösung dazu zu finden, kriechen unter den Bus, schrauben, hämmern. Der Rest hofft gemeinsam auf eine rasche Weiterfahrt. Man wird zur Schicksalsgemeinschaft, schliesst sogar Freundschaften.

Genügend Anreize, um Bus zu fahren?

Solche Erfahrungen sind es, die dem Schweizer fehlen. Unser Zugnetz ist gut ausgebaut, die Züge sind schnell, ins Ausland fliegen wir. Und: Wir haben oft genügend Geld. Denn damit kann man sich von beschwerlicheren Arten des Sich-Fortbewegens freikaufen. So auch von einer zweistündigen Fahrt im Fernbus von Zürich nach Bern, die im Zug zwar um ein Vielfaches teurer, aber eben auch nur halb so lang ist.

Aber wer weiss, vielleicht wird der günstige Eurobus Swiss-Express in ein paar Jahren auch in die Schweizer Mentalität übergegangen sein. Wir steigen dann mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein wie die Diaspora in Doppelstöcker, einfach nicht nach Gjilan, Kosovo, sondern nach Lugano, Svizzera. Reisende sammeln Geschichten von unterwegs, wie es war, als der Bus kurz vor Zürich im Schlamm steckenblieb, jemand in St. Gallen ein lebendiges Schwein mit an Bord nehmen wollte oder der Sitznachbar die ganze Fahrt über bis nach Lugano schnarchte.

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