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«Jeder Morgen ist ein Kampf. Aber ich bin ja nicht in den Ferien hier»

Weshalb gehen Männer ins Kloster? Im «Buch über die Welt» zeigen Erwin Koch und Giorgio von Arb, wie inspirierend Monotonie sein kann.

Inspiration Monotonie: Klausurgang im Kloster Disentis.
Inspiration Monotonie: Klausurgang im Kloster Disentis.
Giorgo von Arb

Als seine Verzweiflung am grössten war, als der Gemütszustand in den Wahnsinn zu kippen drohte, zog sich der Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg ins Kloster Disentis GR zurück. Eine «weisse Arche» nannte er das überdimensionierte Barockgebäude. Heute leben noch 30 Mönche im Kloster, das seit 1300 Jahren besteht und die älteste durchgängig besiedelte Benediktinerabtei nördlich der Alpen ist.

Mit ihrem bezeichnenderweise «Ein Buch über die Welt» benannten Werk nähern sich Autor Erwin Koch und Fotograf Giorgio von Arb der Mönchsgemeinschaft an. Die Patres und Brüder kommen selbst zu Wort, berichten von ihrem Weg ins Kloster, vom ewig gleichen Tagesablauf — und immer wieder von Zweifel und Krisen, mit denen offenbar jeder von ihnen konfrontiert ist.

Ein Leben ohne Berührung

«Meine Krise war gross und lang, ich wünsche sie keinem», erzählt Pater Vigeli Monn, der Dekan des Klosters. Mit 23 Jahren trat der heute 45-Jährige ins Kloster ein – und hätte am liebsten gleich wieder Reissaus genommen. Kaum eingetreten, übertrug man dem Theologen die Verantwortung für die wirtschaftlichen Belange des Klosters. «Was machst du hier? Was soll das eigentlich?», fragte sich der heillos überforderte junge Mann. Er ist trotzdem geblieben.

Bei Pater Vigeli war es das Stundengebet, die klösterliche Tagesstruktur, die ihm aus der Krise half. «Das ewig Gleiche setzt dir Flügel», sagt Bruder Urs, der seit über 35 Jahren die Klosterpforte hütet.

«Jeder Morgen ist ein Kampf. Aber ich bin ja nicht in den Ferien hier», sagt Bruder Gerhard, der Klosterbäcker. Andere beschreiben, wie ihnen die körperliche Nähe fehlt, wie eine Berührung manchmal guttäte. «Grundsätzlich ist jede Berührung suspekt», sagt Pater Vigeli. Zwar habe sich das im Vergleich zu früher gebessert, doch manche würden heute noch aufschrecken, wenn man ihnen die Hand auf die Schulter lege. Weshalb bloss schliessen sich diese Männer hier aus freien Stücken ein Leben lang ein?, fragt man sich nach dem Lesen solcher Passagen.

Die Mönche erzählen frei

Koch widersteht der Versuchung, die Mönche mit dieser naheliegenden Frage zu konfrontieren. Er lässt sie frei und ohne Rechtfertigungsdruck erzählen. Und schafft es so, dass die Mönche intime Einblicke gewähren, ohne dass das Buch voyeuristisch wird.

«Das meiste liegt verdeckt. Wohl auch das, was ich Berufung nenne», sagt Abt Daniel Schönbächler. Für ihn ist das Kloster ein «subversiver spiritueller Kraftort». Und Pater Vigeli sagt: «Wir sind die letzte Horde real existierender Kommunisten.»

Der Werber im Mönchsgewand

Die Lebenswege der Mönche vor ihrem Eintritt ins Kloster könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist der junge Mann aus dem Bergdorf, der schon mit siebzehn weiss, dass er Mönch werden will, und von seinen Eltern zur Klosterpforte gebracht wird. Und da ist Bruder Magnus Bosshard, früher Creative Director der Werbefirma Young & Rubicam und Erfinder der lila Milka-Kuh.

«Fromm, leider, bin ich nicht», sagt er. Als Werber sei sein Leben wie ein «Rattenrennen um nichts» gewesen. Im Kloster hingegen sei jeder Tag anders — obwohl jeder Tag gleich ist. Irgendetwas liess Bruder Magnus bleiben und den Aufenthalt im Kloster zu mehr werden als zu einer exzentrischen Phase im Leben eines überdrehten Werbers. Der 69-Jährige trägt inzwischen seit 21 Jahren die Mönchskutte.

Buchautor Koch war erstaunt, wie offen ihm die Mönche Auskunft gegeben habe — und wie keiner den Text nach dem Gegenlesen abändern wollte. «Dieses blinde Vertrauen hätte ich nicht erwartet», sagt er. In einer schnörkellos-direkten Sprache und mit ausdrucksstarken Bildern aus dem Klosteralltag porträtiert das Buch eine Gemeinschaft, die sich einem komplett anachronistischen Lebenswandel verschrieben hat. Es zeigt, wie zerbrechlich die klösterliche Existenz ist. Und wie sich trotzdem immer wieder Menschen für diese radikale Lebensform entscheiden.

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