Ist es okay, Insekten zu töten?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema klimafreundliche Ernährung.

Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images

Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images

Peter Schneider@PSPresseschau

«Im Kontext von Vegetarismus und Veganismus wird viel von Ökologie gesprochen. Doch auch die ethischen Aspekte werden immer wieder hervorgehoben. Da geht es um die Frage, ob und welche Tiere oder Tierprodukte der Mensch überhaupt essen soll. Mehlwürmer und Heuschrecken sollen zukünftig die Proteinlieferanten für die Menschheit werden. Damit würde ein wesentlicher Beitrag geleistet, weit weniger Kohlendioxid, welche die herkömmliche Tierproduktion generiert, in die Umwelt abzugeben. Doch ist es vertretbar, Millionen, ja Milliarden von diesen Lebewesen tagtäglich zu töten? B.R.

Lieber Herr R.

Die Antwort auf diese Frage hängt von der ethischen Perspektive ab. Man könnte etwa naturalistisch argumentieren, dass in der Natur nun einmal das Prinzip des Fressens und Gefressenwerdens herrscht. Weil die Gattung Mensch sich beim Kampf ums Überleben an die Spitze der Nahrungskette gekämpft habe, solle der Mensch halt verspeisen können, wonach ihm gerade ist. In dieser Argumentation ist es wurst (höhö), was der Mensch verspeist: Rindfleisch, Broccoli oder Mehlwürmer ... Ebenso naturalistisch ist freilich auch das in die entgegengesetzte Richtung zielende Argument, dass nämlich der Mensch zu einem Schädling geworden ist, von dem es viel zu viele auf dieser Welt gibt. Eine Minimierung der menschlichen Population wäre somit gelebter Naturschutz.

Mit der Moral (bzw. der zur Moral erhobenen A-Moralität) «der Natur» lassen sich beide Positionen vertreten. Mir gefällt keine von beiden. Tatsächlich (so hoffe ich) sind die wenigsten Menschen moralische Radikalinskis. Wenn wir moralisch argumentieren, benützen wir oft ein ganzes Spektrum von Ethiken: ein bisschen Universalismus (was wäre, wenn das jeder täte?), ein bisschen Utilitarismus (Gebote und Verbote sollten doch vielen Menschen nützen), ein bisschen Situationismus gemischt mit Intuitionismus (ich würde es nicht generalisieren, aber in diesem Fall scheint X doch das kleinere Übel als Y). Wir betreiben meistens eine moralische Güterabwägung.

Damit stellt sich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Milliarden von Heuschrecken zu Proteinpulver zu zermahlen. Anders: Was kann man tun, um die Ernährung der Menschen sicherzustellen, ohne das Leben anderer Lebewesen geringzuschätzen? Eine solche Frage lässt sich nicht mehr einfach mit Ja oder Nein beantworten. Und wir werden sehen, dass diese ethische Frage viele andere Fragen – soziale, ökonomische, technische, politische – nach sich zieht und dadurch erst realistische Antworten erlaubt.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt