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Im Vorzimmer der Hölle

Jährlich landen 70 Millionen Tiere im Schlachthaus. Dabei könnten wir durch weniger Fleischkonsum auch uns einen Gefallen tun.

Jeden Monat werden in der Schweiz 6 Millionen Tiere geschlachtet.
Jeden Monat werden in der Schweiz 6 Millionen Tiere geschlachtet.
Reto Oeschger

Ich bin an und für sich ein gelassener Mensch, weder Coronavirus noch Trump lassen mich in Panik ausbrechen. Ich beäuge misstrauisch, wenn gut genährte und sanft auf Steuergeldern ­gebettete Klimaforscher ein zeitlich unüberblickbares Modell einfangen wollen, das vergangene Ereignisse nur schwer erklären kann, jedoch künftige mit hoher Wahrscheinlichkeit prognostizieren will.

Ich tanze auch nicht in den Reihen der Klimaschützer, die behaupten, dass die Welt allein am Menschen zuschanden geht und nur er sie in tätiger Hektik retten kann. Und dabei eine schizoide Mischung aus Dauerzerknirschung und Grössenwahn an den Tag legt, aus der Psychologen eine narzisstische Störung diagnostizieren.

Doch was mich sauer macht, ist unsere Respektlosigkeit vor der Natur. Wir halten Millionen Tiere wie Ware, in der Vorhölle des Todes, tagaus, tagein in Ställe gepfercht. Auf der Grösse eines Autoparkplatzes dürfen beispielsweise zehn schwere Schweine gehalten werden.

Über 70 Millionen Tiere werden in der Schweiz jährlich ­geschlachtet, jeden Monat 6 Millionen Tiere. Dazu werden 88'000 Tonnen Fleisch aus dem Ausland importiert. Und Millionen an Küken werden gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert.

Bis zu einer halben Minute dauert es, bis Schweine beim Schlachten ihren Todeskampf ausgestanden haben. Da sie in riesiger Zahl geschlachtet werden und sich als aktive und agile Tiere nicht problemlos fixieren lassen, setzt die Branche auf die CO2-Betäubung. Sie werden in Gruppengondeln gepfercht, die anschliessend in die CO2-Kammer abgesenkt werden.

Schweine erleben den Erstickungsprozess während 15 bis 30 Sekunden bei vollem Bewusstsein

Professor Doktor Hanno Würbel von der Abteilung Tierschutz der Vetsuisse-Fakultät an der Universität Bern erklärte mir einst, wie dieser Todeskampf aussieht: CO2 sei ein schleimhautreizendes Gas, dessen Einatmung mit akuten Schmerzen verbunden ist. Beim Eintauchen in den CO2-See einer Betäubungsanlage reagieren die Schweine deshalb oft mit Panik. Ausserdem haben sie Atemnot, was sich durch Luftschnappen und Hyperventilation äussert. Forschungen hätten gezeigt, dass Schweine diesen Erstickungsprozess während 15 bis 30 Sekunden bei Bewusstsein erleben und somit während dieser Zeitspanne erheblichen Schmerzen und Leiden ausgesetzt sein könnten.

Wir trennen Kälber vom ersten Tag an von ihren Müttern, die schliesslich ihre Pflicht als Milchmaschinen tun müssen. Wir keulen Abertausende von Vögeln und Schweinen zu Tode, wenn ein Virus droht, doch hätscheln das Büsi auf dem Sofa und füttern ihm Dosenfleisch.

Wir halten immer mehr Nutztiere und verdrängen die wild lebenden. Es gibt 15-mal so viele Nutztiere wie wild lebende Säugetiere.

Welch verrückte Welt!

Dabei wäre es einfach: Wir könnten die zehn Milliarden Menschen, die bis 2050 auf der Erde leben, gesund ernähren. Wir könnten sie ernähren, ohne die Natur zu zerstören. Der Konsum von rotem Fleisch müsste lediglich um die Hälfte zurückgehen. Wir würden umgehend profitieren, indem wir gesünder sind, denn zu viel rotes Fleisch schadet der Gesundheit. Wir könnten für sauberere Böden und Gewässer sorgen, denn Tierhaltung belastet beides.

Wir könnten die Erderwärmung verlangsamen, denn laut einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) stammen rund 80 Prozent der Schweizer Methanemissionen aus der Landwirtschaft.

Wir könnten die Regenwald-Abholzung stoppen, denn 80 Prozent der Sojaproduktion – und für diese werden die meisten abgeholzten Flächen gebraucht – werden an Masttiere verfüttert. Und wir würden weniger Antibiotika-­Resistenzen entwickeln.

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