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Hund sollte man sein – oder Affe

300'000 Menschen forderten die Begnadigung des Killerhundes Chico. Den jährlich 300 Millionen misshandelten Kindern wird hingegen wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes forderte für den bedrohten Hund «eine Chance auf Resozialisierung».
Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes forderte für den bedrohten Hund «eine Chance auf Resozialisierung».
Keystone

Von den allermeisten Medien und der Öffentlichkeit kaum beachtet, hat das UNO-Kinderhilfswerk Unicef einen Bericht vorgelegt, der dokumentiert, dass weltweit rund 300 Millionen Kinder Opfer von Gewalt werden. Drei Viertel aller Kinder von zwei bis vier Jahren erleben körperliche oder verbale Gewalt durch ihre Erziehungsberechtigten.

Alle sieben Minuten stirbt ein Jugendlicher zwischen 10 und 19 Jahren einen gewaltsamen Tod, in Konfliktländern des Nahen Ostens und in Lateinamerika. Schätzungsweise 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 haben laut dem Bericht bereits sexuelle Gewalt erlitten. In 28 Ländern mit verfügbaren Daten gaben 90 Prozent der Mädchen an, dass sie ihre Peiniger kannten.

«Gewalt gegen Kinder verschont niemanden und kennt keine Grenzen», erklärte der Leiter der Unicef-Kinderschutzabteilung, Cornelius Williams. «Babys werden ins Gesicht geschlagen, Buben und Mädchen werden zu sexuellen Handlungen gezwungen. Jugendliche werden an ihren Wohnorten ermordet.»

Dazu kommen die Opfer von Terror und Kriegsgewalt, in erster Linie Frauen und Kinder. Mehr als drei Millionen traumatisierte syrische Kinder haben noch keinen Tag im Frieden gelebt. Es gibt Kleinkinder, die gezwungen werden, Enthauptungen mitanzusehen. Zwei Drittel aller Minderjährigen haben Angehörige verloren.

Die abgestumpften Fernsehkonsumenten in den Hochburgen des Wohlstandes und der Zivilisation nehmen die schrecklichen Bilder achselzuckend und reaktionslos zur Kenntnis. Keine Demonstrationen auf den Strassen. Es bleibt bei Appellen und Resolutionen.

Als kürzlich ein Staffordshire-Terrier-Mischling eine 52-jährige Frau und ihren 27-jährigen Sohn zu Tode biss, rollte eine Welle der Solidarität durch das Land. Mehr als 300'000 Menschen forderten in Onlinepetitionen, dass Chico gerettet werden solle. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes forderte für den bedrohten Hund «eine Chance auf Resozialisierung». Vor dem Veterinäramt in Hannover wurden «Free-Chico»-Transparente geschwenkt.

Nachdem der Mischling trotz aller Proteste schliesslich eingeschläfert wurde, veröffentlichte die Stadt eine Pressemitteilung, die im Ton an eine Resolution des UNO-Sicherheitsrates erinnerte: «Unter Beteiligung und im Einvernehmen mit der Tierärztlichen Hochschule, dem Tierschutzverein Hannover und dem Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wurde unter Betrachtung der Gesamtsituation von der Veterinärbehörde der Landeshauptstadt Hannover die Entscheidung getroffen, den Hund Chico einzuschläfern.»

Der Fall erinnert an den Affen, der auf der indonesischen Insel Sulawesi in die Kamera des berühmten Wildtierfotografen David Slater grinste. Wegen des Selfies – der Makak hatte selbst auf den Auslöser gedrückt – zog die Tierschutzorganisation Peta im Namen von Naruto vor Gericht, weil sie die Lizenz- und Urheberrechte des Affen verletzt sah.

Der Einwand wird sicher kommen, hier würden Äpfel mit Birnen verglichen und extreme Einzelfälle verallgemeinert. Mag sein. Tatsache ist aber leider, dass sowohl in den Medien als auch in den öffentlichen Reaktionen Menschenquälerei weniger Beachtung oder gar Empörung findet als Tierquälerei. Chico und Naruto liegen uns doch näher als Syrien oder Somalia und der Sudan.

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