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Hinwil: Der Horror eines jeden Soldaten

Auf dem Gelände macht sich eine Gefühlsmischung von Lethargie, Langeweile und konstanter Gereiztheit breit.

MeinungSerkan Abrecht
Jeder WK und jede Rekrutenschule endet irgendwann in Hinwil.
Jeder WK und jede Rekrutenschule endet irgendwann in Hinwil.
Keystone

Hinwil ist vieles. Industriehotspot, Heimat der Riesenkaufhäuser, Heimat von Ueli Maurer, Verkehrsknotenpunkt zwischen der Stadt Zürich und ihrer Agglomeration und Sammelstelle für übrig gebliebene Restmotivation von Armeeangehörigen. Es gibt mehrere Bezeichnungen für seine Bundesanlage. Die offizielle: Armeelogistikcenter Hinwil. Die inoffizielle: Logistikbasis der Armee Hinwil. Die meist gebräuchlichen: «Königreich der Willkür» oder «Hort des Horrors».

Jeder WK und jede Rekrutenschule endet irgendwann hier, wo die grauen Männer und Frauen das Sagen haben. Hinwil ist ein einziges riesiges Sammellager für Armeegegenstände. Dort herrschen die Logistiker der LBA in ihren grauen Overalls. Und sie sind es, die darüber entscheiden, ob und wann eine Truppe, eine Kompanie oder ein verbleibender Zug aus seinem Dienst entlassen werden kann.

Nun. Die Logistiker sind selbstverständlich Bundesbeamte, die ihren Tag so gestalten, dass es jeden Militär zur Weissglut bringt. Es gibt Kaffipausen, Znünipausen, Mittagspausen, Zvieripausen für die grauen Damen und Herren. Und somit entsteht ein ständiger Stau von abzugebendem Material. Die Soldaten und Kader bereiten alles vor und warten darauf, dass ein Mitarbeiter Daumen hoch oder Daumen runter gibt. Fehlt ein kleines Teilchen? Ist ein Gegenstand nicht ganz sauber? Dann gilt: Alles noch einmal von vorne.

Aber je nach zuständigem Logistiker nimmt der dann nicht einfach die nächste Tranche Material ab, sondern beharrt drauf, dass zuerst die be­anstandete Tranche abgegeben werden muss. Ist man dann bereit für einen zweiten Versuch, befindet sich der Zuständige entweder in der Pause oder bereits an einem anderen Abgabeort. Also wartet man wieder, bis der Zuständige zurückkommt, oder man hat Glück im Unglück, und ein anderer Beamter erscheint im Lager. Weiss er bereits über den Stand der Abgabearbeiten des jeweiligen Detachements Bescheid, kann es weitergehen. Ist dem nicht so, muss der Neue zuerst den Überblick bekommen. Hat er dies erreicht, wird er oftmals vom eigentlich Zuständigen abgelöst, und das Ganze beginnt zum dritten Mal von vorne.

Und wehe, man verliert die Contenance. Darauf reagieren die Mitarbeiter der LBA allergisch und bummeln nur noch mehr. Ich erinnere mich daran, als ich einst die Nerven verlor und sagte: «Jetzt weiss ich, wie sich die DDR-Bürger gefühlt haben mussten, als sie eine Ausreisebewilligung beantragten.» Der zuständige Logistiker sah mich nur böse an und entschloss sich, bereits um 16.30 Uhr Feierabend zu machen.

Natürlich gibt es auch LBAler, die sich Mühe geben, mit den Armeeangehörigen «speditiv» zu arbeiten, weil sie sich noch allzu gut an ihren eigenen letzten WK erinnern können. Die Bummler, das sind meist die älteren Mitarbeiter, die wir auch schon «Nussgipfel-Detachement» nannten.

Also macht sich auf dem ganzen Gelände eine Gefühlsmischung von Lethargie, Langeweile und konstanter Gereiztheit breit, die erst beim abendlichen Bier im Pirates gleich vor den Toren des ALC Milderung findet – bis zum nächsten Treffen mit den Logistikern in ihrem Königreich der Willkür.

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