Haben Tierschützer ein dunkles Geheimnis?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Ethik.

Der Antisemitismus ist eine besondere Form des Menschenhasses. Foto: Keystone

Der Antisemitismus ist eine besondere Form des Menschenhasses. Foto: Keystone

Peter Schneider@PSPresseschau

Im Zusammenhang mit Ibizagate habe ich gelesen, dass die Gattin von Herrn Strache eine aktive Tierschützerin sein soll. Ohne die Dame hier in Sippenhaft nehmen zu wollen, ist mir aufgefallen, dass sich auch Karin Bertschi, Politikerin der Aargauer SVP, kürzlich als Tierschützerin geoutet hat. Als älteres Semester kann ich mich zudem erinnern, dass die Schauspielerin Brigitte ­Bardot ebenfalls eine vehemente Tierschützerin ist, sich aber gleichzeitig oft rechts und fremdenfeindlich positioniert hat. Ist das Zufall, oder könnte es hier einen gewissen Zusammenhang geben? Zum Beispiel indem man dem Publikum (und/oder sich selber) beweisen möchte, dass man trotz allem, was man über Fremde sagt und schreibt, dann doch nicht so ein Unmensch ist?H.S.

Lieber Herr S.

Sie umschreiben ein Gefühl gegenüber Tierschützerinnen und Tierschützern, das gerne in Anschlag gebracht wird, wenn man die Menschenfeindlichkeit rechtsnationaler Politik im Gegensatz zu deren angeblicher Tierliebe in besonders düsterem Glanz erstrahlen lassen möchte. Man denkt an den Vegetarier Hitler, an die rechtsradikale Brigitte ­Bardot und den guten alten ­Anti-Schächt-Kessler, und schon scheint die Sache klar. Ist sie aber nicht. Philippa ­Strache ist mir bisher weder als rabiate Tierschützerin noch als sonst irgendetwas ausser als Ehefrau von HC aufgefallen; sie hätte vermutlich auch Drogenbeauftragte werden können (kleiner Scherz). Karin Bertschi, die zusammen mit anderen gegen die Tierhaltung im Circus Knie protestiert hat, ist alles andere als eine SVP-Hardlinerin und gewiss keine Fremden­feindin.

Es gibt eine unangenehm ­radikale und eher weniger menschenfreundliche Tierbefreiungsfront, die aber im linken Spektrum beheimatet ist; dafür aber viele Veganerinnen und Veganer, deren vor allem ethische und konsumkritische Argumentation für den Verzicht auf tierische Produkte völlig ohne antihumanistische Spitzen auskommt. Vielleicht bin ich übersentimental, weil ich Fruchtfliegen aus meinem Weinglas rette; aber gewiss tue ich das nicht, weil ich ansonsten dafür bin, die Seenotrettung im Mittelmeer einzustellen.

Ich glaube, die verbitterte ­Generation der «Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere»-Tierli-Liebhaber wird kleiner und kleiner, und das ist auch gut so. Was ich heute in ­Sachen Tierschutz vor allem höre, ist politisch engagiert, trägt aber kaum Züge von klebriger Sentimentalität, bei der man jederzeit ein Umschlagen in Brutalität befürchten muss. Antimuslimische Scharfmacher sind zurzeit eher darauf aus, den Muslimen den Verzehr von ­Cervelats als Integrationsleistung andrehen zu wollen, und weniger, das Schächten zu skandalisieren.

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