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«Gute» und «schlechte» Abtreibungen

Die Politik will die pränatale Geschlechterselektion verhindern – auf heuchlerische Art.

Vertuschte Folgen. Eine Gynäkologin richtet die Instrumente für eine Abtreibung (nachgestellte Szene).
Vertuschte Folgen. Eine Gynäkologin richtet die Instrumente für eine Abtreibung (nachgestellte Szene).
Keystone

Die Fristenlösung gilt als Errungenschaft der Frauenbewegung. In der Schweiz gibt es sie seit 2002, nachdem das Volk mit 72 Prozent befürwortenden Stimmen Ja dazu gesagt hatte. Seither sind Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei möglich. Es braucht dazu lediglich eine schriftliche Erklärung seitens der Frau, in der sie eine Notlage geltend macht, sowie ein Beratungsgespräch mit dem Arzt, der die Abtreibung vornimmt.

Faktisch spielt es keine Rolle, warum eine Frau ihr Kind nicht will. Sie kann abtreiben, weil sie sich durch dessen Betreuung überfordert sieht, weil sie kein Geld hat oder weil ihr Partner keinen Nachwuchs wünscht. «Mein Bauch gehört mir!» – dieser Schlachtruf von Frauenrechtlerinnen ist in der Schweiz Gesetz geworden. Zumindest bis zur zwölften Woche hat das werdende Kind damit kein Lebensrecht.

Geschlecht mitteilen verboten

Nun will die Politik den Grundsatz der straffreien Abtreibung aber relativieren: Wenn der Abbruch darum gewünscht wird, weil der Fötus nicht das gewünschte Geschlecht hat, soll die Abtreibung verhindert werden. Konkret schlägt der Bundesrat vor, dass Schwangeren vor Ablauf der zwölften Woche das Geschlecht nicht mitgeteilt werden darf, auch wenn dieses bereits bekannt geworden ist. Dank neuartiger Bluttests kann heute schon ab der neunten Woche erkannt werden, ob der Fötus weiblich oder männlich ist. Das war früher nicht möglich.

Die zuständige Nationalratskommission hat den neuen Gesetzesparagrafen bereits abgesegnet. In der Frühjahrssession, die nächste Woche beginnt, entscheidet nun das Plenum des Rats darüber. Der Anstoss zur Einschränkung der Fristenlösung kam seitens der SP – also aus den gleichen Kreisen, die seinerzeit energisch für die Fristenlösung gekämpft haben.

Auch auf dem Balkan mehr Buben

Die Vorstellung, ein werdendes Kind nur deswegen abzutreiben, weil es das «falsche» Geschlecht hat, ist in der Tat nur schwer zu ertragen. In weiten Teilen der Welt ist die vorgeburtliche Geschlechterselektion aber gängige Praxis. Vor allem in Asien werden viele weibliche Föten abgetan, weil Söhne aus kulturellen Gründen mehr Wert als Töchter haben. In China etwa führt die Abtreibung weiblicher Föten dazu, dass ein Fünftel mehr Buben als Mädchen geboren werden. Dabei gibt es in China schon heute Dutzende Millionen Frauen weniger als Männer, was zu beträchtlichen gesellschaftlichen Spannungen führt. Aber auch in Ländern des Balkans wie Albanien oder Mazedonien führt der Wunsch nach männlichen Stammhaltern dazu, dass auffallend mehr Buben als Mädchen zur Welt kommen. Laut Gynäkologen soll es in der Schweiz jährlich etwa hundert Fälle geben, in denen heranreifende Kinder wegen des Geschlechts abgetrieben werden.

So abstossend die vorgeburtliche Geschlechterselektion auch sein mag, so heuchlerisch ist die Gesetzesänderung, die nun kommen soll. Denn es ist ja gerade der Sinn der Fristenlösung, dass der Entscheid über Fortführung oder Ende einer Schwangerschaft bis zur zwölften Woche nur bei der Frau liegt. Sie kann das werdende Kind ablehnen, weil sie keine Lust auf dieses hat, weil es ihr im Ultraschallbild nicht gefällt oder auch schlicht, weil der Himmel blau ist. Warum soll sie es nicht auch dann abtreiben können, weil ihr das Geschlecht nicht passt?

Feministische Frauen betonen zwar, es sei das männliche Umfeld, das eine Frau zu einem Schwangerschaftsabbruch wegen des Geschlechts dränge. So sprach alt Nationalrätin Katarina Prelicz-Huber (Grüne) auf Tele Züri unentwegt von «patriarchalen» Strukturen, die zur Abtreibung von Mädchen führe.

Unappetitliche Folgen

Es mag zutreffen, dass Macho-Traditionen auch in der Schweiz entsprechende Wirkung zeigen. Allgemein unterliegt der Entscheid der Frau immer auch kulturellen Einflüssen. Aber mit diesem Argument müsste man die Fristenlösung per se infrage stellen. Denn wer kann wissen, ob nicht auch viele andere Frauen, die einen Abtreibungswunsch äussern, heimlich unter gehörigem männlichem Druck stehen? Unabhängig von der kulturellen Herkunft sollen es ja mehrheitlich Männer sein, die bei einer unerwünschten Schwangerschaft auf einen Abbruch drängen, nicht Frauen.

Mit dem neuen Gesetzesartikel soll vielmehr vertuscht werden, dass die Fristenlösung Folgen hat und diese ziemlich unappetitlich sein können. Politikerinnen und Politiker wollen vortäuschen, es gebe nebst «guten» auch «schlechte» Abtreibungen: solche, die aus ethischen Gründen eben doch nicht vertretbar seien oder hinter denen das «Patriarchat» stehe. Ehrlicher wäre es hingegen einzugestehen, dass man nie mit Sicherheit feststellen kann, ob der Wunsch einer Frau, eine Schwangerschaft abzubrechen, ehrlich ist oder ob dahinter nicht vielmehr ihr Umfeld steht.

Die vorgeschlagene Lösung ist auch eine Zumutung gegenüber dem ärztlichen Personal, auf dessen Buckel sie vollzogen werden soll: Wenn Gynäkologinnen und Gynäkologen einer Schwangeren das Geschlecht des Kindes nicht mitteilen dürfen, auch wenn dieses vor der zwölften Woche bekannt ist, bedeutet das, dass die Ärzte nicht nur ihre Wortwahl anpassen, sondern auch ihre Mimik und Gestik verstellen müssen. Denn ansonsten erfährt die Frau die Wahrheit unter Umständen eben doch. Die Verlogenheit würde damit nicht nur ins Gesetz einziehen, sondern auch in die Arztpraxen.

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