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Grussfloskeln und Sprachwandel

Unsere Sprache verkürzt sich immer mehr; persönliche Anschriften scheinen nicht mehr wichtig zu sein.

Anstelle der Adjektive werden heute Emotionen mit Emojis ausgedrückt.
Anstelle der Adjektive werden heute Emotionen mit Emojis ausgedrückt.

Erinnern Sie sich noch an Zeiten, als Briefe mit der Floskel «mit vorzüglicher Hochachtung» abgeschlossen wurden? Die Einleitung solcher Briefe lautete meist «Sehr geehrter Herr» oder «Sehr geehrte Frau», gefolgt vom Namen. Die Anwendung der Höflichkeitsform gebot damals, «Sie» mit einem Grossbuchstaben zu beginnen. Gleiches galt für «Du», «Ihr» und «Euch». Wenn sich zu jener Zeit Kantonsregierungen Briefe schrieben, begannen diese mit «Getreue, liebe Eidgenossen» und endeten mit «Wir empfehlen Euch, getreue, liebe Eidgenossen samt uns dem Machtschutz Gottes».

Heute heisst es auf Briefadressen «Herr»; das «n», das noch aus der Zeit stammt, in welcher die Adresse mit «An» eingeleitet wurde, fällt weg. «Herr» muss genügen. Auch dem Versachlichungs-Trend zum Opfer gefallen ist die Grussformel am Ende eines Briefes. Statt früher «Mit freundlichen Grüssen» reicht heute «Freundliche Grüsse».

Rasend schnell hat sich «Hallo» etabliert.

Begonnen werden Botschaften per Brief oder Mail kaum mehr mit den überlieferten Anreden. Üblich sind heute «Guten Morgen», «Guten Nachmittag» oder «Guten Abend», im besten Fall gefolgt von der individualisierten Anrede. Massgebend dabei ist die Tageszeit des Versandes des Schriftstücks und nicht etwa der Moment der Lektüre. Nicht selten liest man am Abend eine Mail-Mitteilung, die einem einen «guten Morgen» wünscht.

Wenn man die künftige Entwicklung erahnt, wähnt man sich mit der Einleitung einer E-Mail oder eines Briefes, die einem bloss eine gute Teil-­Tageszeit, sei es Morgen, Nachmittag oder Abend gönnt, schon fast in der guten alten Zeit.

Rasend schnell hat sich «Hallo» etabliert. Nicht nur schriftlich, ­sondern vor allem als Ersatz für «Guten Tag» in Basel oder «Grüezi» in der Restschweiz bei Begegnungen mit oder ohne Händeschütteln – in der realen Welt also.

Ehrerbietige Formulierungen und Grussfloskeln sind im Laufe der Zeit abgeschliffen worden.

Die nächste Reduktion führt dann möglicherweise zu einem amerikanischen «Hi». Immerhin könnte dann diese Grussformel kaum mehr weiter verkürzt werden; wir werden sehen, lesen oder hören.

Tatsache ist: Ehrerbietige Formulierungen und Grussfloskeln sind im Laufe der Zeit abgeschliffen worden. Es gibt für mich aber Grenzen dieser Versachlichung und Abflachung, der Verkürzung und deren Maximierung. Ein absolutes No-go wäre das Ersetzen des traditionellen Anfangs einer Ansprache bei einer Zunft. Undenkbar, seine Rede statt mit «Hochgeachteter Herr Meister, sehr verehrter Herr Statthalter, sehr verehrte Herren Vorgesetzte, verehrte, liebe Zunft­brüder» mit einem schnöden «Hallo» zu beginnen.

Emojis sind besser als Adjektive

Sprache verändert sich. Nicht nur im Bereich der verbalen und elektronischen Konversation. Mein geschätzter Deutschlehrer Otto Zumstein hätte mir in einem Aufsatz den vorangehenden Satz nicht durchgehen lassen, er hätte mit rot an den Rand geschrieben: «Verb fehlt!» Er hätte sich auch daran gestört, dass heute – anders als noch vor kurzer Zeit – in der Umgangssprache Nebensätze mit der Konjunktion «weil» nicht mehr mit dem konjugierten Verb enden. Korrekt würde es heissen: «Ich lese diese Kolumne nicht, weil sie langweilig ist.» Heute begegnet uns oft die Fassung: «Ich lese diese Kolumne nicht, weil sie ist langweilig.»

SMS-Texte verfassen vor allem Jüngere nicht in der Standardsprache. Dialekt herrscht vor. Abkürzung und Emoji treten dominant auf. Anstatt Stimmungen und Gefühlszustände in Worten zu beschreiben, wählt man aus zahlreichen Symbolbildern die passenden aus. Vorherrschend bei dieser Möglichkeit der Illustration eines Textes sind die Smileys, die zugegebenermassen Gefühle besser ausdrücken können als Adjektive.

Sind diese Neuerungen alle frei von ­Nebenwirkungen?

Ich möchte nicht die heutigen Schreib-Gepflogenheiten missbilligen, die geschilderten alten Formeln und Floskeln verherrlichen oder ihnen gar nachtrauern. Sind diese Neuerungen aber alle frei von ­Nebenwirkungen? Hat die mit diesen Beispielen geschilderte Ausdrucksart mit der Verschlechterung der Lesekompetenz der 15-jährigen Schweizer ­Schülerinnen und Schüler zu tun, wie sie in der letzten Pisa-Studie festgestellt worden ist?

Es ist eben nicht das Gleiche, eine SMS-Mitteilung oder Texte bei ­Twitter, Facebook und Co – verfasst jenseits der Rechtschreibung in ­Dialekt mit Abkürzungen und Emojis – zu verstehen wie einen Text aus einem Buch, ganz ohne Abkürzungen, ohne englisch-deutsch-Mix in ­Standardsprache und ohne Bilder.

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