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Gepäck bei Fuss

Transportroboter Gita soll dem Menschen Lasten abnehmen. Ein weiteres Gefährt im hart umkämpften urbanen Verkehrsraum – oder die Zukunft der Mobilität?

Claudia Fromme
Folgt seinem Besitzer wie ein Hündchen: Roboter Gita. (Foto: Piaggio)
Folgt seinem Besitzer wie ein Hündchen: Roboter Gita. (Foto: Piaggio)

Auf den Strassen ist Krieg. Autofahrer wettern gegen Radfahrer, weil sie Platz für Zweiradspuren abgeben müssen. Radfahrer schimpfen auf Elektrorollerfahrer, die auch noch auf ihren Wegen fahren. Fussgänger wettern gegen alle, weil die einen ihre Wege zuparken und die anderen über diese brettern. Kein Wunder, dass manche Lieferdrohnen oder Flugtaxis über Städten kreisen lassen wollen. Jeffrey Schnapp von der Harvard University ist keiner von ihnen. Er findet, dass unten noch Luft ist für einen weiteren Player: Gita.

Das ist ein Transportroboter, der aussieht wie ein kugelrundes Schwein auf Rädern, und für Schnapp, der ihn mit erfunden hat, ist er nichts weniger als: die Zukunft der Mobilität. «Die höchste Autonomie in der Fortbewegung hat der Mensch, wenn er selber läuft», sagt der Wissenschaftler, der sich gleichermassen mit dem römischen Dichter Vergil, Stadtarchitektur und künstlicher Intelligenz befasst. Zu Fuss gehen aber zu wenige. Zum einen, weil mit Gehen kein Status verbunden sei, und zum anderen, weil viele schlichtweg keine Lust hätten, ihre Bürotaschen und Einkäufe selber zu schleppen. Da kommt Gita ins Spiel, der von Piaggio Fast Forward entwickelt wurde, dem Bostoner Zukunftslabor des italienischen Vespa-Fabrikanten. Schnapp ist Mitgründer des Start-ups. Seit wenigen Wochen werden Gitas verkauft, bislang nur in den USA, in kleiner Stückzahl, für 3250 Dollar. Gita spricht nicht und hat auch sonst keine menschlichen Attribute, aber mit den Kameralöchern vorne, die an eine Tierschnauze erinnern, und den Radverkleidungen, die wie Schlappohren aussehen, wirkt Gita ziemlich putzig.

Im Herbst auch in Europa

Mittels 360-Grad-Kameras und Sensoren scannt Gita die Umgebung, um weder Laternen noch Leute umzufahren. Wenn man ihn aktiviert, analysiert der Roboter die Körpersilhouette, die Gangart und andere Daten und weiss nun, wem er zu folgen hat. Gita funktioniert ohne Gesichtserkennung, ohne GPS, sein Akku hält vier Stunden. Geht er zur Neige, blinken die Räder lustig. Er wiegt 23 Kilo, 18 Kilo kann man zuladen, eine grosse Einkaufstasche passt hinein. Rampen kann Gita bewältigen, Treppen nicht. Er fährt bei Regen und Sonne und schafft bis zu zehn Kilometer in der Stunde. Dabei passt er sich dem Besitzer an. Läuft der schnell, vergrössert Gita den Abstand, schlendert er, rückt er auf.

Natürlich kennt Jeffrey Schnapp die Bedenken, wenn auf vollen und schmalen Fussgängerwegen auch noch Transportkugeln herumrollen. «Aber was für eine grosse Erleichterung wäre es für Menschen im Rollstuhl, wenn sie ihre Einkäufe hinter sich herfahren lassen könnten?», fragt er. «Wie viele Menschen würden sich überlegen, nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit oder zum Supermarkt zu fahren, weil sie nicht mehr schleppen müssten?»

«Fast 100 Jahre lang wurden Städte rund um das Automobil gebaut», sagt Schnapp. Er sieht Gita als «Katalysator» eines Gegentrends, der mehr als eine Vision ist. Viele europäische Städte wollen den motorisierten Individualverkehr absehbar auf 20 Prozent zurückdrängen. Es soll mehr Platz geben für Busse, Räder, Elektroroller. Auch die Gehwege sollen breiter werden. Da fände sich vielleicht auch ein Plätzchen für Gita und seine Brüder. Im Herbst jedenfalls will Piaggio in Europa starten.

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