Zum Hauptinhalt springen

Gendertheorie und Süssgebäck

Gender definiert Sex als frei flottierende Ware. Der Neoliberalismus tut das genauso.

«She’s gotta have it.» Es war einst ein lang erwarteter Zug in Richtung blühender Emanzipation, der gerade sich selbst aus den Schienen zu werfen droht.
«She’s gotta have it.» Es war einst ein lang erwarteter Zug in Richtung blühender Emanzipation, der gerade sich selbst aus den Schienen zu werfen droht.
Keystone/Magnum Photos/Bruce Davidson

Das New York Ende 1980er und Anfang 1990er war ein besonderer Ort. Frau hatte mehrere Liebhaber, rauchte Kette, trug kurze Haare, eine Lederjacke, Dr.-Martens-Boots, schrieb die ersten Sätze ihrer Dissertation zu Frauen im Krieg und jobbte als Kellnerin in der angesagten Lesbenbar.

Wie die Stadt, so waren auch ihre Menschen: cool, selbstbewusst, immer knapp bei Kasse, doch unglaublich frei. Sex, Liebe, politischer Aktivismus und Theoriediskussionen gestalteten das Leben: «She’s Gotta Have It» von Spike Lee war Lebensgefühl pur. Nur die Idioten, die Kinder mittelreicher Eltern, die Verklemmten, die Anorektischen, die Ödipus-Intellektuellen, die Klugscheisserinnen und die Nerds standen daneben und schworen Rache.

Armut, Unterdrückung und andere soziale Probleme werden zugunsten «performativer Sprechakte» aus der öffentlichen Diskussion gestrichen.

30 Jahre später ist es so weit. Sie ziehen nun mit aller Inbrunst gegen all jene, die Bett, Zigaretten, gutes Essen, billigen Rotwein, mutige Politik und hochphilosophische Gespräche miteinander teilen. Alles wird via «Banksprech», verstärkt durch ein veritables, narzisstisch gestörtes Hetztag-Mobbing aus dem Weg geschafft: Armut, Ungleichheit, Unterdrückung und andere soziale Probleme werden zugunsten «performativer Sprechakte», zugunsten sozialer Kontrolle und Überwachung aus der öffentlichen Diskussion und aus der politischen Mobilisierung gestrichen.

«Mohrenköpfe» sind in solch hegemonialen Weltbildern, die sich darüber hinaus «progressiv» nennen, ebenso böse wie die furchtbare alltägliche sexuelle Gewalt. Bedauerlich: Die den Ideologien innewohnende Kraft, Menschen zu überzeugen, wird durch die politische Praxis tatsächlicher Diskriminierung gespeist, die jedoch dadurch nie und nimmer beseitigt wird.

Gerade Intellektuelle neigen dazu, sich auf alles zu stürzen, was sie für das wirkliche Leben halten, um dort der Masse mit einem grossen Aufwand angebliche wissenschaftliche Resultate zu predigen, die sie ohnehin schon lebt und erlebt – dafür aber mit völlig absurden Erklärungen wie dem Hinweis auf «heteronormative Rituale»; als ob die Umbenennung eines Süssgebäcks der Abschaffung des realexistierenden Rassismus gleichkäme.

Ärgerlich daran ist, dass das Süssgebäck tatsächlich rassistische Ursprünge hat, noch ärgerlicher aber ist, dass die Löhne der Pflegerinnen so gering sind und die Arbeitszeiten wie das hierarchische Umfeld in der Pflege dermassen erniedrigend sind, dass den diskriminierten Migrantinnen gar kein Geld, Sinn oder Zeit bleibt, in Ruhe das politisch korrekt benannte Süssgebäck zu geniessen. Falls sie dies dennoch täten, würden sie wahrscheinlich von den anorektischen Neurotikerinnen eventuell auch auf die Kalorienzahl des Süssgebäcks hingewiesen, wie es einer zauberhaft schönen Freundin von mir auf Facebook regelmässig passiert.

Jede atheistische und säkulare Aktivistin wird aus dem eigenen feministischen Netzwerk ausgegrenzt.

Die totalitäre Oberfläche, die sich erstaunlicherweise aus dem ehrlichen Bedürfnis nach Gleichstellung und Beseitigung der unzähligen Diskriminierungen speist, klatscht nun mit einer Diskursgewalt allen ins Gesicht, die sich noch nicht bedingungslos der neoliberalen «Kauf! Mich!»-Ideologie von Judith Butler unterworfen haben.

Die Säuberungsprozesse finden übrigens schon statt. Jede atheistische und säkulare Aktivistin, die beispielsweise in der Burka nicht das Gleichstellungsprogramm für das 21. Jahrhundert erkennen will, wird mit dem Faschismusfuror belegt und aus dem eigenen feministischen Netzwerk ausgegrenzt.

Die persönlichen Angriffe der Hashtagfeministinnen folgen der Ideologie eines «Gendrismus»: Körper, Idee und Person werden als Einheit genommen und werden via hinterhältige Netzwerk-Politik zum Schweigen gebracht. Nicht zuletzt deshalb sollte unter der Führung der grünen Heinrich Böll-Stiftung auch ein Online-Lexikon publiziert werden, das alle Antifeministen öffentlich auflistet.

«Es ist nicht gut, Listen von Menschen nach politischer Gesinnung anzulegen. Siehe Weltgeschichte», meinte da selbst die genderaffine Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski. Leider wurde im Sommer 2017 die Gelegenheit verpasst, über den der Gender-Butler-Ideologie inhärenten Totalitarismus zu diskutieren. Dabei war das Online-Lexikon übelste politische Praxis: Gesinnungsdenunziation, Ausgrenzung und Aufruf zur Verfolgung Andersdenkender.

Gender definiert Sex als frei flottierende Ware.

Butlers neoliberales Diskursgeschwurbel und anpasserische politische Praxis machen in Wirklichkeit aus allen Menschen Gelddruckmaschinen, politisch korrekt beschriftet. Deshalb gibt es so viele Befürworterinnen beispielsweise der Leihmutterschaft und sie nennen es gerne «Feminismus». Die Argumentation ist klar: Weshalb sollte eigentlich ein Kind biologisch nicht nach dem freien Willen der Macherinnen gestaltet werden?

Ein Kind kann von Dritten, Vierten, global geplant, bestellt, gekauft und dann ausgetragen werden. Was soll daran denn verwerflich sein? Schliesslich lagern die Samen und Eier schon längst in den Gefrierschränken der hippen Gender-Google-Apple-Facebook-Avantgardist*innen!

Auch die Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin, Andrea Blücher, und die Moderatorin von «Sternstunde Philosophie», Barbara Bleisch, argumentieren ähnlich, wenn sie in der NZZ die Leihmutterschaft als «respektables Unterfangen» propagieren, da im «Zeitalter der Fortpflanzungsmedizin» die Vorstellung, dass eine «Mutter noch via Kreislauf» mit ihrem Kind verbunden sei, völlig «tradiert» sei. Dass hier nie ein Aufschrei erfolgte, spricht Bände dafür, wie mächtig die Kräfte geworden sind, die alles Leben mit einer Zahl, dem politisch korrekten Sachbegriff und dem entsprechenden Preis beschriften!

Der Verdacht ist, dass Yuval Noah Harari letztlich recht behalten soll. In seiner «Kurzen Geschichte der Menschheit» schreibt er unter «Die Geschichte ist nicht gerecht»: «In Wirklichkeit stand in der Geschichte der Menschheit die Körperkraft oft im indirekten Verhältnis zur gesellschaftlichen Macht. In den meisten Gesellschaften ist die harte körperliche Arbeit das Vorrecht der unteren Schichten.» Daraus folgt, dass die hierarchische Stellung in einer Gesellschaft von der Intelligenz, der Kommunikation und der Sozialkompetenz und nicht vom Körper der die obersten Stufen der Ordnungen einnehmenden Menschen abhängt – ausser es handelt sich um weibliche Körper.

Nicht das Unrecht oder die existierende Machtverteilung soll politisch beseitigt werden, sondern das VERHALTEN.

Die werden aufgrund ihres «doppelten Gebrauchswerts» (Beatrix Mesmer), das heisst aufgrund ihrer Gebärfähigkeit als auch als Arbeitskraft, immer unten gehalten, es sei denn, sie haben genügend Sozialkompetenz, sich den widrigen Umständen anzupassen und sich mit den herrschenden Schichten zu verbinden. Genau dies predigen nun die Gendertheoretikerinnen und nennen es Freiheit.

Deshalb definieren einige Gendertheoretikerinnen Burka und Sexarbeit als genuin «weibliche Freiheitsstrategie». Die Idee des neoliberalen «Leben als Konsum» (Zygmunt Bauman), indem der Mensch sich selber zur Ware anbietet und sich selber vorwiegend als Geschlecht-, Jahrgangs-, Kilo- und Zentimeterverhältnis definiert, hat die mächtigste ideologische Verbündete gefunden: die Gendertheorie.

Gender definiert Sex als frei flottierende Ware. Der Neoliberalismus tut das genauso. Alle menschlichen Lebenszusammenhänge werden im Neoliberalismus privatisiert, um als Dienstleistungen teuer verkauft werden zu können. Sex wird im «Leben als Konsum» für normale Menschen je länger, je mehr ebenso unerschwinglich wie Kinderhaben. Jede menschliche Handlung wird deshalb diskursiv mit Geboten und Verboten belegt, um sie nach klaren performativen Diskurskategorien weiterzuverkaufen.

Gendertheoretikerinnen und -aktivistinnen fordern nicht das Recht auf Gleichheit, sie fordern nicht die Umverteilung des Kapitals oder gar die politische Partizipation aller, nein, sie fordern neue gesellschaftliche Regeln, die zufälligerweise mit den neuen neoliberalen Regeln zusammenfallen (siehe dazu die Studien «Bankspeak» von Franco Moretti und Dominique Pestre). Nicht das Unrecht oder die existierende Machtverteilung soll politisch beseitigt werden, sondern das VERHALTEN.

Weibliche Freiheit ist nicht gekoppelt an gleiche Rechte, sondern an ANPASSUNG.

Unter dem Deckmantel eines rigiden Kontrollkodexes, Verleumdung inklusive, Boykottaufrufen et cetera schleicht sich so unter dem Deckmantel «links», «progressiv», «antirassistisch» ein neuer, totalitärer Überbau für den Neoliberalismus mitten ins politische Zeitgeschehen. Die Regeln der neoliberalen Gewalt werden durch die neuen Sprachregeln der Hegemonie des butlerschen Genderismus unsichtbar gemacht.

Weibliche Freiheit ist nicht gekoppelt an gleiche Rechte, gleiche Bildungschancen, gleichen Lohn, sondern an ANPASSUNG. Alles ist «fluide» und «frei»: an erster Stelle natürlich die Kaufkraft. Zuerst war das Kapital «frei», dann die Waren, dann die Dienstleistungen und nun sind eben die Personen dran. Eine bessere Ideologie als «Gender» konnte dem Neoliberalismus gar nicht passieren. So werden aus Menschen neu zu beschriftende lebendige Münzen.

Spätestens jetzt ist es Zeit, sich eine Zigarette anzuzünden, dem gut aussehenden Barkeeper die Telefonnummer zuzustecken und mit der jungen Geliebten aus der Marketingabteilung eines bescheuerten Pharmakonzerns für ein paar Tage nach Paris abzurauschen. Denn wer weiss, wie lange dies angesichts des Eroberungsfeldzugs der butlerschen «schönen neuen Genderwelt» für eine Frau, die sich nicht von paternalistischen Reinheitskonzepten schützen lassen will, noch ungestraft möglich sein wird.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch