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Geistiger Knallfrosch

Hal Niedzviecki hatte es gewagt, das neulinke Dogma der «kulturellen Aneignung» infrage zu stellen. Das hat ihn seinen Job gekostet.

Wer sich kleidet wie Kanadas Ureinwohner, verhält sich aus linker Sicht rassistisch.
Wer sich kleidet wie Kanadas Ureinwohner, verhält sich aus linker Sicht rassistisch.

Eine im Magazin Write des Kanadischen Schriftstellerverbands erschienene Kolumne sorgte ­kürzlich für Empörung in den Kulturmilieus des Landes. Der Autor der Kolumne, der 46-jährige Romancier Hal Niedzviecki, hatte geschrieben, er glaube nicht an «cultural appropriation», an ­«kulturelle Aneignung», sondern daran, dass «jedermann, überall, ermutigt werden sollte, sich in andere Völker, in andere Kulturen, in andere Identitäten hineinzuversetzen.»

Und Kanadas Literaten, in ihrer eintönigen Mehrzahl weisse Mittelschichtler, sollten über ihre Community hinausschauen und «das Leben von Leuten erforschen, die nicht so sind wie du».

Die Standesgenossen reagierten überwiegend feindselig. Der Beitrag sei im besten Falle «unbedarft», eher aber «beleidigend und ­widerwärtig», urteilte eine Kollegin Niedzvieckis stellvertretend für die meisten ihres Gewerbes und verliess aus Protest die Redaktion von Write. Der Schriftstellerverband entschuldigte sich für die Publi­kation und versprach, man werde die eigene Politik «grundlegend überdenken».

Und die «Arbeitsgruppe Gleichheit» desselben Verbands zeigte sich «wütend und entsetzt» über die Veröffentlichung und rügte die «hoch­problematische» Auffassung Niedzvieckis, ­die «zutiefst rassistische Annahmen über Kunst in sich birgt».

Ohne kulturelle ­Aneignungen lebten wir noch immer in Höhlen.

Niedzviecki hatte es gewagt, das neulinke Dogma der «kulturellen Aneignung» infrage zu stellen und sich die giftige Wut der Tugend­polizisten in Medien und Universitäten zuge­zogen. In deren Augen ist es Diebstahl und letztlich Fortsetzung rassistischer Macht­traditionen, wenn Vertreter der weissen Mehrheitsgesellschaft kulturelle Symbole der farbigen Minderheitsgesellschaft wie Haarmoden, ­Kleidung, Tanzformen, aber auch Lebens­perspektiven und spirituelle Erkenntnismethoden, übernehmen oder diese auch nur literarisch durchdringen wollen, wie Niedzviecki es ­forderte.

Natürlich ist das neulinke Konzept der «kulturellen Aneignung» lächerlich, unhaltbar, ein geistiger Knall­frosch. Ohne kulturelle ­Aneignungen lebten wir noch immer in Höhlen. Aber es funktioniert, um via Social Media einen Mob zu organisieren und Leuten wie Hal ­Niedzviecki Anstellung und Ruf zu ruinieren.

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