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Gefährlicher Spiessrutenlauf

Der Regenschirm ist ein grosses portables Dach mit gefährlichen Enden, und ist böse.

Platzmangel unter Egoisten: Schirmträger auf den Schweizer Strassen.
Platzmangel unter Egoisten: Schirmträger auf den Schweizer Strassen.
Walter Bieri, Keystone

Kaum öffnet der Himmel seine Tore, öffnet auch er sich. Rot, grün, blau oder schwarz ploppt er auf über dem Asphalt. Und er ist gemeingefährlich. Wer sich nicht in Acht nimmt, hat schnell eine Schramme im Gesicht oder ausgerissene Haare. Der Regenschirm ist böse.

Symptom unserer egoistischen Gesellschaft

In der Schweiz regnet es pro Monat im Durchschnitt 13 Tage. Und an all diesen Tagen ähnelt der Gang durch die Strassen einem Spiessrutenlauf. Besonders gefährlich sind die Schirmenden, die Ösen. Ein Regenschirm besteht aus mindestens acht solchen spitzen Enden. Die Bajonette sind oft aus Metall oder Kunststoff. Die Spannweite beträgt im besten, also im kleinsten Fall, einen Meter. Viele Exemplare sind aber grösser.

Der Schirm ist ein Symptom unserer egoistischen Gesellschaft. Der Schirmträger baut sich ein eigenes portables Dach und wandelt damit unachtsam durch die Strassen. Er schafft sich damit Platz und hält die Mitmenschen auf Distanz, und das zum Schutz der eigenen Frisur. Nur: Die Strassen und Trottoirs sind nicht breit genug. Nicht jede Person kann sich die Freiheit nehmen, ein eigenes Dach mitzunehmen – ohne dabei die Mitmenschen zu beschneiden.

Bestenfalls mit Schutzbrille

Und hier liegt das Problem. Jeder Schirmträger, der kleiner als zwei Meter ist, läuft Gefahr, einem Mitpassanten eine Öse ins Gesicht zu drücken. Die meisten Menschen sind kleiner und halten den Schirm auf Kopfhöhe von anderen Personen. Ohne Schirm bedeutet das, Halsgymnastik, mit den Armen die Augen schützen oder am besten mit Schutzbrille aus dem Haus gehen.

Der Schirmträger öffnet sein Instrument, sobald er aus dem Tram aussteigt. Dabei ist ihm völlig egal, ob dabei andere Personen Spritzer oder vielleicht einen Schubser mit dem Kiel abbekommen. Hauptsache, die eigene Frisur bleibt an Ort und Stelle.

Dabei gäbe es Alternativen. Warum nicht einfach einen Regenmantel, eine Kapuze oder einen Hut? Denn damit werden Passanten nicht traktiert, keine Ösen, die Augen ausstechen können und keine herausgerissenen Haare. Ausserdem gäbe es bei Regenwetter auf einmal die Möglichkeit, sich in die Augen zu sehen – und sich etwas näherzukommen.

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