Fifty Shades of Habermas

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Psychologie des Alltagslebens.

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Peter Schneider@PSPresseschau

Was verrät «Fifty Shades of Grey» über den Zustand der Gesellschaft? Wofür steht der Erfolg dieser Bücher und des Films? Und was ist eigentlich überhaupt der Reiz an SM-Praktiken?

T. F.

Liebe/r T. F.

Man wünschte sich als Zeitgeistdiagnostiker natürlich, in diesem Schmöker bzw. Film ein Symptom für den Zustand der Gesellschaft gefunden zu haben. Tatsächlich aber sagt uns der Film darüber ungefähr so viel wie die gerade herrschende Modefarbe. Nach Schwarz kommt Weiss und dann mal wieder bunt. «9 ½ Weeks» liegen schon so lange zurück, dass es wieder einmal Zeit für SM wurde. Mir leuchtet die Erklärung von Eva Illouz ein, dass es sich bei den Wälzern weniger um «Mummy Porn» als um eine Art «Selbsthilfebücher» handelt: How to improve your sexlife.

Im Unterschied zu den unerotischen Herrschaftsverhältnissen in der realen Arbeitswelt inszenieren Film und Bücher die Unterwerfung unter eine Macht, die nicht nur aufregend ist, sondern auch noch hält, was sie verspricht. In diesem Fall nicht nur ein nigelnagelneues MacBook, sondern auch die – kleines Wortspiel:) – Entfesselung bislang unbekannter Leidenschaft. Wer eine antifeministische Gehirnwäsche vermutet, liegt falsch: Denn seine Wünsche sind auch ihre (heimlichen) Wünsche, und ihre Wünsche sind ihm (heimlicher) Befehl: Mrs. Steel und Mr. Gray praktizieren so etwas wie eine habermassche ideale Diskursgemeinschaft in Lack und Leder. Und wer es immer schon mal ausprobieren wollte, hat jetzt dafür eine Fantasie-Steilvorlage.

Und nun noch wie gewünscht ein bisschen Perversionstheorie: Vieles lässt sich sexualisieren. Denn menschliche Sexualität ist nicht primär Fortpflanzungs-, sondern Lust-Sexualität. Und die gibt es nicht ohne Fantasien. Welche Fantasien das sind, ist sehr individuell; freilich gibt es – etwa literarische – Muster, die man für seine Fantasien verwenden kann. Im SM wird das Wechselspiel von Passivität und Aktivität auf Rollen verteilt – das ermöglicht Angstlust ohne existenzielle Angst. Die Sexualität, die solcherart Überschreitungen inszeniert, ist gleichzeitig ritualisiert und reglementiert. In seltenen Ausnahmefällen mag das entgleisen, in der Regel ist sichergestellt, dass nichts Überraschendes passiert.

Mit dem Konzept der «Miterregung» bietet Freud eine von ihm selbst kaum ausgearbeitete Theorie der Lust an Schmerz und Demütigung: Erregungen gleich welcher Art erregen ab einem gewissen Quantum auch die sexuelle Lust. Damit lässt sich die Lust an der Gewalt erklären, aber auch, warum Bestraftwerden sexualisiert werden kann. Doch leider funktioniert die Sache mit der Miterregung nicht immer und überall. Schade eigentlich; man ginge sonst viel lieber zum Zahnarzt.

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