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Es droht die Meinungsdiktatur an Universitäten

Was einst ein Hort des intellektuellen Austauschs war, verkommt immer mehr zu einer Stätte radikaler linker Politik.

Angestachelt durch den politischen Vormarsch der «progressiven» Linken, kommt es an US-Universitäten vermehrt zu anti-israelischen Protesten. (Im Bild die Demonstration in Berkeley gegen den Breitbart-Journalisten Milo Yiannopoulos)
Angestachelt durch den politischen Vormarsch der «progressiven» Linken, kommt es an US-Universitäten vermehrt zu anti-israelischen Protesten. (Im Bild die Demonstration in Berkeley gegen den Breitbart-Journalisten Milo Yiannopoulos)
Keystone

«Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.»(Mark Twain, 1835–1910)

Der grosse amerikanische Schriftsteller hat sich mit diesem Zitat als durchaus visionär entpuppt; es ist ja auch ein brillanter Satz, brandaktuell in Zeiten, in denen links und rechts und mit heiligem Zorn darüber gestritten wird: Darf man das noch sagen? Ein Hort, wo der intellektuelle Austausch, der auch zu einem leidenschaftlichen Disput führen darf, wo Argumente mehr zählen als lautes Geschrei, ist die Universität. Meinungsfreiheit als oberstes Gut. Aber ist das noch immer oberste Maxime? Zweifel sind angebracht. «Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt», sagte Antonio Loprieno, damals Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, im letzten Jahr der «Aargauer Zeitung». Die Akademiker schrieben auch: Gerade unkonventionelle, unbequeme und unliebsame Meinungen müsse man «aushalten» können.

Die Studenten freilich sehen das leider etwas anders. In der Schweiz hat sich der Aufstand gegen Andersdenkende zum Glück noch nicht wirklich Bahn gebrochen – aber wenn bereits hochdekorierte Wissenschaftler warnen, muss einem das zu denken geben. Und man darf etwa daran erinnern, dass im Jahr 2017 ein Auftritt des ehemaligen CIA-Chefs David Petraeus an der ETH Zürich von einer linken Studentengruppe verhindert worden ist. Bei unseren Nachbarn sieht es ungleich schlechter aus. Vor einer Woche hat eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben, dass 93 Prozent der 1106 interviewten Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern zwar finden, dass ­Wissenschaftsfreiheit herrsche – aber, und das ist der beklemmende Punkt, eben auch «rigide moralische Standards» Einzug hielten, man sich eingeschränkt fühle wegen eines intoleranten Meinungsklimas. Da liegen sie nicht falsch.

Ist es denn so schwer, sich auch mit Positionen zu beschäftigen, die nicht die eigenen sind?

Bernd Lucke, der die AfD zwar gegründet, aber längst verlassen hat, konnte an der Uni Hamburg, wo er als Professor lehrt, seine VWL-Vorlesungen teils nicht halten, weil von Studenten torpediert; Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, wurde anti-muslimische Propaganda vorgeworfen, weil sie es gewagt hatte, ein Podium mit dem Thema «Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?» zu organisieren.

Was in Westeuropa immer mehr Einzug hält, hat seinen Ursprung in den USA. Der bekannte konservative Psychologe Jordan Peterson, ein Kritiker der politischen Korrektheit, bekrittelt eine radikale linke Politik, die an den (amerikanischen) Unis installiert werde. Das nimmt teils groteske Züge an: Ronald Sullivan Jr., Rechtsprofessor an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard, wurde der Vertrag als Dekan des renommierten Winthrop House nicht verlängert (und jener seiner Ehefrau, ebenfalls Dozentin, gleich auch nicht), weil er Harvey Weinstein verteidigen wollte. Ebenso eklig: Angestachelt durch den politischen Vormarsch der «progressiven» Linken, kommt es vermehrt zu anti-israelischen Protesten, zuletzt vergangene Woche in Berkeley, als die jüdische Historikerin Deborah Lip­stadt einen Vortrag über Antisemitismus hielt. Ist es denn so schwer, sich auch mit Positionen zu beschäftigen, die nicht die eigenen sind? Geht es in der Wissenschaft nicht um Wahrheitsfindung anstatt um moralischen Eifer? Bekommen wir das nicht rasch in den Griff, droht die Meinungsdiktatur.

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