Ein Milan am Himmel

Die Geschichte von einem scharfsinnigen und dabei rational denkenden Vogel, der sich, aus seiner Perspektive Gedanken über den menschlichen Grössenwahn macht.

Der Milan, mit seinem ganz eigenen Blick auf die Erde und Menschheit.

Der Milan, mit seinem ganz eigenen Blick auf die Erde und Menschheit.

(Bild: Guido Pelli)

Patrick Tschan

Ein Milan kreiste hoch oben über Dornach und fragte sich, wie hoch die Menschen heute wohl denken können. Sein Grossvater – und der hatte es von seiner Grossmutter und die wiederum von ihrem Grossvater und der natürlich wieder von seiner Grossmutter– meinte einst, lange hätten die Menschen nicht höher als Kirchtürme denken können. Dies sei gut so gewesen, das habe ihnen Halt gegeben. Da wussten sie, wo die Welt aufhörte, und alles, was höher ging, gehörte zum Himmel, zu einer anderen Welt, wo nur noch Milane und andere hoch ­fliegende Vögel zu Hause sind. Das forderte den Menschen Respekt ab, und so waren sie einfach froh, dass wir ihnen die Mäuse von den Feldern frassen.

Doch irgendwann wurden die Kirchtürme höher, es wurden andere ­Gebäude gebaut, so hoch, dass eine Wildgans – das hatte ihm ein Bussard erzählt und der hatte es von einem Adler erfahren und der Adler gab einen Geier als Quelle an – in solch ein hohes Haus, einen weissen, ­dreieckigen Geschlechterturm, ­hinein geflogen sei.

Nun, mit diesen Hochhäusern, dachte der Milan und erfreute sich an der anhaltenden Thermik, werden sie wohl gelernt haben, höher zu denken. Und je höher sie bauen, desto mehr erobern sie den Himmel und desto mehr geraten sie in Gefahr, den Halt zu verlieren. Man sieht es an den Kärtchen, die sie am Hosenbund tragen, wo wahrscheinlich draufsteht, wer sie sind und wer und was ihnen Halt gibt.

Mit rauchenden Flügeln

Über sich sah er ein Flugzeug. Gut, da gehen sie ganz schön hoch, die ­Menschen, aber, so dachte der Milan, so hoch können die Menschen wohl nicht denken, sonst hätten sie diese Vögel nicht so schwer und mit ­rauchenden Flügeln gebaut. So kommt man nicht in den Himmel, egal, wie hoch es gehen könnte, ist der Himmel doch weit weg und an den Sternen festgeschraubt.

Sie haben auch schon Raketen gebaut, sagte ihm einst sein Vater, der es von seinem Vater, der es von dessen Grossmutter erfuhr, mit denen sie dem Himmel schon ein Stück nähergekommen seien. Aber diese Raketen hätten nicht einmal Flügel, so was kann ja nicht gut gehen. Es wäre eh gescheiter, die Menschen blieben unten, so hätten sie mehr natürlichen Halt.

Da entdeckte der Milan eine Maus, weit da unten, und stürzte sich vom Himmel.

Basler Zeitung

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