Die Pfingstrosen

Der Reiz der Blumen, die die Form von Kugeln haben, die sich schon nach kurzer Zeit in Schmetterlingsflügel zu verwandeln scheinen.

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«Meine Damen und Herren – hier spricht Ihr Kapitän …»

Nina schaute aus dem Fenster.

Nina wartete auf Emotionen. Aber da war nichts. Keine Trauer. Kein Heimatgefühl. EINFACH LEERE.

Sie sah Spielzeugautos auf grauen Strassen. Dann konnte sie den See ausmachen – diesen See, der ihr schon als Kind viel zu kalt war. «AUSTRALIEN IST WÄRMER», DACHTE NINA.

Es war ihre erste Reise zurück in die Heimat – nach bald 40 Jahren!

Die Familie hatte ausserhalb der Stadt gelebt. Sie hatten einen kleinen ­Garten. Er war das Steckenpferd der Eltern: Johannisbeeren auf Teufel komm raus. Und Pfingstrosen. Viele Pfingstrosen. Sie waren der Stolz der beiden.

Im Juni kamen die Blumen auf den Esstisch. Schon morgens hing ihr süsser Duft in der Luft. Wenn sie ihre zarten Blätter um die Vase fallen liessen, sah es stets aus, als würde ein rosiger Schmetterlingsflügel für eine Sekunde über den Tisch flattern.

Die Mutter wischte die Blätter zusammen. Ging in den Garten zu den ­grünen Büschen. Und schnitt drei, vier neue Stängel mit halb geöffneten Kugeln ab – diese Kugeln, die sich schon bald in neue Schmetterlings­flügel verwandeln würden.

Nina war von den Blumen stets ­fasziniert gewesen. «Ich werde an meiner Hochzeit ein Kleid so zart wie Pfingstrosenblüten tragen», hatte sie immer gesagt.

Es kam anders. Sie lernte Ron an der ETH kennen. Die Eltern waren gegen eine schnelle Heirat. Es gab Streit. Ron entführte Nina nach Sydney – ein langer Flug. Sie schickte Bilder von der Trauung (Nina trug einen Jeansrock).

Die Eltern schrieben erst nach zwei Jahren zurück. Später immer wieder mit der Schlussfrage: «Wann kommst du? – Die Pfingstrosen sind jetzt am schönsten!» Ron drängte sie: «Flieg hin!» – doch je mehr Jahre sich in Ninas Leben schlichen, umso weiter wurde die Distanz: «Vielleicht im nächsten Jahr …»

Ron und Nina hatten eben ihre silberne Hochzeit gefeiert, da rief die Mutter an: «Pa liegt im Spital. Es geht zu Ende…»

Es ging ohne Nina zu Ende.

Die Mutter schickte ein Foto. DER VATER LÄCHELTE AUF DEM BILD – DAHINTER DIE BÜSCHE MIT DEN PFINGSTROSEN.

Vor drei Tagen hatte sich die alte Nachbarin aus der Schweiz gemeldet: «Es tut mir so leid, Nina, deine ­Mutter …»

Am Flughafen in Zürich sprang sie in ein Taxi. Die Nachbarin stand mit dem Schlüssel vor dem Haus. Im Innern atmete sie von weitem schon den schweren, süssen Duft.

Auf dem Esszimmertisch stand die grosse Vase. Die Stängel schauten starr zur Decke. Kopflos. Die Blüten lagen herum. Wie tote Schmetterlingsflügel. Und verlorene Zeit.

Erst jetzt weinte Nina.

Basler Zeitung

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