Zum Hauptinhalt springen

Die katholische Kirche und der Zölibat

LGBTQ trifft den Lebensnerv der Jungen weit besser als Sexverzicht aus Glaubensgründen.

Eine Parade zur Unterstützung der LGBTQ-Community in Frankreich. Bei den Jugendlichen ist die Regenbogenfahne und dieser Buchstabenmix jedenfalls vollkommen geläufig.
Eine Parade zur Unterstützung der LGBTQ-Community in Frankreich. Bei den Jugendlichen ist die Regenbogenfahne und dieser Buchstabenmix jedenfalls vollkommen geläufig.
Keystone

Am letzten Sonntagabend habe ich mich empört. Am Ende der vom Papst in Rom einberufenen Konferenz zum Thema Missbrauch in der Kirche, stellte sich der Basler Bischof Felix Gmür im Vatikanstaat vor eine Kamera des Schweizer Fernsehens und sagte «Alle Bischöfe, alle Ordensleute, alle die hier waren, wissen jetzt, es handelt sich um ein Verbrechen und ein Verbrechen muss verfolgt, angezeigt, bestraft werden.»

Aufgeregt hat mich das jetzt. Was haben denn die Bischöfe, die Ordensleute und alle, die an dieser von Papst Franziskus einberufenen Konferenz in Rom waren, gedacht? Dass der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen durch Pfarrer, die Vergewaltigung von Nonnen, ein Kavaliersdelikt sei? Dass es nicht ganz so schlimm ist und man die Machtstrukturen der Institution Katholische Kirche nach Belieben und vor allem nach eigenem Gutdünken dazu verwenden darf, den Mantel des Schweigens über diese Taten zu legen? Was ja in letzter Konsequenz bedeutet, dass offenbar erst durch die Worte des Papstes Einigkeit darüber besteht, was Recht und Unrecht ist.

«Jetzt», da der Papst gesagt hat, was zulässig ist und was nicht, wird dies offenbar auch innerhalb der Kirche rund um den Globus zur Kenntnis genommen werden. So sagt es zumindest Felix Gmür, der Bischof von Basel.

Wie war das genau mit dem Fall in Riehen?

Mein Kommentar wurde am Montagmorgen online gestellt – er war nicht in der Zeitung zu lesen – und ist heftig diskutiert worden. Manche warfen mir vor, Felix Gmür bewusst falsch verstanden zu haben. Gmür habe «seine berechtigte Vermutung ausgedrückt, dass nicht alle anwesenden Geistlichen aus aller Welt bereits mit dieser Überzeugung nach Rom gekommen sind», meinte jemand. Diese Interpretation fand überraschend grosse Zustimmung unter den Leserinnen und Lesern. Dazu sei gesagt: Ist es nicht etwas herablassend, zu meinen, dass in fernen Ländern zwar noch dies und das möglich und geduldet sei, bei uns dagegen alles in Butter? Wie war das genau letzthin mit dem Fall in Riehen? Und gehört Riehen nicht in den Hoheitsbereich des Bistums Basel? Und, ich rege mich schon wieder auf: Woher reisten denn diese Gottesmänner genau an, die nicht mit «dieser Überzeugung» nach Rom gekommen waren und welches genau war ihre Überzeugung? Hallo!

Immerhin: Die Schweizer Bischöfe haben vorwärts gemacht, das gilt es lobend anzuerkennen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Bischofskonferenz (SBK) in Mariastein beschlossen hat, bei Verdacht auf eine sexuelle Straftat ab sofort die Anzeigepflicht wahrzunehmen. Der Erlass gilt seit gestern. Die Prävention gegen sexuelle Übergriffe solle in Zukunft systematisch angegangen werden, heisst es im Communiqué der SBK weiter. Gemeint ist damit, dass künftig vor einer Anstellung «im kirchlichen Umfeld» ein Auszug aus dem Strafregister vorgelegt werden muss. Gleiches Recht für alle also und nicht mehr kanonisches Recht frei interpretiert von den Kirchenmännern, wenn man etwas vertuschen will.

Gegen 60 verschiedene Geschlechtsidentitäten

Das Thema hat mich die ganze Woche beschäftigt. Was ist staatliches Recht, was Kirchenrecht? Was ist überhaupt Recht? Wie kommt Bischof Gmür dazu, dieses «jetzt» in seinen Satz einzubauen? Bin ich in meinem Kommentar übers Ziel hinausgeschossen oder nicht?

Bis ich Distanz dazu gewann und den Blick öffnete. Wir diskutierten unlängst im Büro über die vielen verschiedenen Geschlechter, die es gibt. Mann und Frau ist ja offenbar überholt. Es seien gegen 60 verschiedene Geschlechtsidentitäten, heisst es jetzt. Mein letzter Wissenstand war LGBT: Lesbian, Gay, Bi-Sexual und Transgender. Ich habe mit meinen – deutlich jüngeren – Kolleginnen und Kollegen darüber sinniert, ob das gut oder schlecht sei. Für die junge Generation ist die Regenbogenfahne und dieser Buchstabenmix jedenfalls vollkommen geläufig. Über Sex in allen Varianten kann man im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nach Christi ohne Hemmungen reden. (Wie man genau auf 60 Geschlechtsidentitäten kommen kann, erschliesst sich mir nicht, aber das ist ein anderes Thema.)

Sie haben ein Sexualleben, sie haben Lust

Jetzt stelle man sich als Gegensatz dazu die Dogmen der Katholischen Kirche vor: Kein Sex vor der Ehe. Sex nur zur Fortpflanzung. Zölibat, also Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit für die Würdenträger. Und ausschliesslich Männer, die als Pfarrer geweiht werden dürfen.

Kann man weiter von der gelebten Realität entfernt sein als dieser sonderbare Herrenclub, der für sich herausnimmt, mit der Befolgung verkrusteter Grundsätze näher bei Gott zu sein? Ihm zu dienen und all seinen Schäfchen auch? (Grundsätze übrigens, die seit 1031 in der Kirche gelten und die vor allem deshalb durchgesetzt wurden, damit der Besitz von Klerikern nicht mehr an ihre Söhne vererbt werden konnte, sondern an die Kirche fiel.)

Wenn wir einen Augenblick völlig wertfrei zu bleiben versuchen, nur die Fakten betrachten, so beweist doch die grosse Zahl von Missbräuchen innerhalb der Katholischen Kirche mindestens eines unwiderlegbar: Diese Männer, und es sind keineswegs ein paar Einzelne, das zeigen ja die immer neuen Fälle, haben ein Sexualleben. Sie haben Lust.

«Blümchensex»

Der Verteidiger des in Australien verurteilten Kardinals George Pell – einst einer der mächtigsten katholischen Würdenträger weltweit – hat sich zur Aussage verstiegen, der einem 13-jährigen Chorknaben aufgezwungene Oralverkehr durch seinen Mandanten sei bloss «Vanilla Sex» gewesen. Auf Deutsch etwa mit «Blümchensex» übersetzbar. Er musste sich für die schreckliche Argumentationslinie entschuldigen. Aber auch hier: Es war Sex. Ohne Wenn und Aber. Der Herr Kardinal kam ganz offensichtlich nicht mit der Enthaltsamkeit zurecht. Er spürte etwas zwischen seinen Beinen und erlag dessen Macht.

Apropos Distanz und anderer Blick: Vor lauter Konzentration auf «Rom» und den Papst geht beinahe unter, wie die reformierte Kirche seit Jahrhunderten den lebendigen Beweis erbringt, dass man das Wort Gottes auch lehren kann, wenn man verheiratet ist, in einer Beziehung lebt, Sex hat. Und bis jetzt hat Gott nicht eingegriffen und diese Abtrünnigen fürchterlich abgestraft.

Toleranz wird gross geschrieben

Trotz der paar zaghaften Schritte in die richtige Richtung, die «jetzt» gemacht werden: Der Zölibat wird nicht fallen. Nicht unter diesem Papst. Da gebe ich mich keiner Illusion hin. Vielleicht wird es gelingen, ein paar schwarzen Schäfchen rechtzeitig auf die Schliche zu kommen und sie aus ihrem Amt zu drängen, bevor sie Minderjährigen grossen Schaden zufügen. Mag sein, dass Felix Gmür da effektiv in vorderster Front kämpft und diesbezüglich sogar konsequenter ist als Franziskus I. Vermutlich aber wird schon in einer Generation diese ganze Diskussion endgültig ad absurdum geführt. LGBTQ – Q steht für queer, habe ich vorhin vergessen – trifft den Lebensnerv der Jungen weit besser als Sexverzicht aus Glaubensgründen.

Wobei unter den Jungen die Toleranz ja gross geschrieben wird: Es sollen alle das leben dürfen, was sie fühlen, was sie im Innersten bewegt. Gemäss dieser Überzeugung darf also auch einer hinstehen und sagen: «Ich will ohne Sex leben, weil mir der Glaube das vorschreibt.»

Die Frage ist und bleibt, ob er das auch fühlt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch