«Die Jungen wurden zu Hause behandelt wie ein Weltwunder»

HSG-Professorin Heike Bruch attestiert der Generation Z viele Vorteile – sieht sie im Berufsleben aber auch diskriminiert.

Junge Menschen sind es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen; Archivbild von einem Erlebniswochenende am Flughafen Zürich.

Junge Menschen sind es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen; Archivbild von einem Erlebniswochenende am Flughafen Zürich.

(Bild: Sabina Bobst)

Sebastian Briellmann

Was ändert sich auf dem Arbeitsmarkt durch den Eintritt der Generation Z?
Wir müssen ein Zusammenspiel hinkriegen, eine positive Diversität. Es geht darum, dass wir die Arbeitskultur verändern, Hierarchien abbauen. Die Generation Z möchte einbezogen werden, eine Stimme haben.

Was will diese Generation konkret?
Der Wunsch nach mehr Flexibilität ist sehr gross. Ansonsten verhält sie sich ziemlich traditionell, sind geregelte Arbeitszeiten ganz wichtig. Und vor allem soll zu Hause alles beim Alten bleiben, die Zler wollen eine sichere Homebase, Familienstruktur und Geborgenheit.

Sind diese Vorstellungen realistisch?
Das muss sich erst noch zeigen. Wichtig ist, dass der Job Möglichkeiten bietet: Die Jungen wollen sich einklinken, einen Platz am Tisch haben und irgendwann Führungsverantwortung. Man darf nicht vergessen: Zu Hause wurden sie behandelt wie ein Weltwunder und hofiert – da die Geburtenrate so stark zurückgegangen ist. Darum gehen sie die Jobsuche mit viel Selbstvertrauen an, stellen hohe Lohnforderungen und wollen nicht 80 Stunden pro Woche arbeiten. Aber klar: Sie müssen sich auch beweisen, dass sie etwas können.

Das ist für Arbeitgeber nicht einfach.
Bei den Unternehmungen muss ein Umdenken stattfinden. Die Strukturen in der Schweiz bergen eine Gefahr. Es geht nicht mehr, dass junge Neu-Angestellte null Verantwortung übertragen bekommen, erst ab 30 Jahren Wertschätzung erhalten. Wenn jemand mit 50 neu dazukommt, wird ihm von Beginn weg genügend Respekt entgegengebracht. Das mag für Silberrücken momentan irritierend sein, aber das Senioritätsprinzip hat ausgedient. Derzeit werden Junge diskriminiert.

Heike Bruch, Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Hauptdozentin Leadership, Universität St. Gallen

Die Generation Z mag die Zukunft sein, macht aber noch einen kleinen Teil der Arbeitnehmer aus. Wird da nicht eher die Mehrheit diskriminiert?
Die Unternehmen dürfen es mit der Modernisierung nicht übertreiben. Auf die Älteren ist Rücksicht zu nehmen, man muss sie einbinden – und darf sie ja nicht überrollen.

Kommt dazu: Nicht alle Berufseinsteiger wollen – oder können – eine Rolle mit viel Verantwortung übernehmen.
Es ist klar, dass das nicht für alle Berufsgruppen ein Ziel darstellt. Aber die Möglichkeit muss da sein. Individualität heisst das Zauberwort. Unsere Studenten an der HSG wollen diese Möglichkeit erhalten. Wir arbeiten beispielsweise mit der Bündner Kantonalbank aktiv zusammen, die Studenten erhalten dort Verantwortung. Die Erfahrungen sind sehr positiv. Man sieht es auch in der Politik. Alte weisse Männer sind nicht mehr so gefragt – die Hoffnungen ruhen auf Menschen wie Emmanuel Macron. Ihnen wird es zugetraut, den Schritt ins digitale Zeitalter zu schaffen.

Emmanuel Macron ist nicht wahnsinnig erfolgreich …
Das mag sein. Aber es geht um die Kultur. Eine starke Kultur hat viel mehr Gewicht als früher. Bürokratie, Hierarchien, Silo-Denken – damit ist es vorbei. Es geht um eine gemeinsame Wertebasis, nicht um einen Einzelkampf.

Das bedeutet?
Sehen Sie: Swisscom, SBB oder auch die Kantonalbanken – und natürlich viele KMU – können nicht exorbitante Gehälter wie Google zahlen; also brauchen sie eine starke Kultur, die sie zwar oft haben – aber nicht gut verkaufen. Das muss der Weg sein.

Wie begegnet die Schweiz diesen Veränderungen?
Die Schweiz besitzt den Vorteil der Basisdemokratie und hat deshalb eine gewisse natürliche Abneigung gegen Hierarchien. Allerdings ist sie auch konservativ geprägt: Fehler, Experimente und Mut zulassen? Na ja! Da braucht die Mehrheit oft ein wenig länger.

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