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Die «Ist doch egal»-Haltung

Demokratisch erlassene Bestimmungen werden bewusst verletzt – die eigene Bequemlichkeit steht im Vordergrund. Dies mag im Einzelfall harmlos sein, die allgemeine Tendenz ist jedoch gefährlich. Wohin führt das?

Haben Sie sich auch schon die Bemerkung «Ist doch egal!» anhören müssen von Leuten, die auf ihr unkorrektes Verhalten aufmerksam gemacht wurden? Die Reaktionen reichen von mit­leidigem Lächeln über einen «Bünzli», der sich um das Verhalten anderer kümmert, bis zu Aggressionen. Leute, die sich unanständig oder nicht korrekt verhalten, dürfen korrigiert werden.

Ich finde es störend, wenn mein Sitznachbar im Zug oder im Tram seine Schuhe auf die Sitzfläche legt. Ich finde es unkorrekt, wenn eine Velofahrerin die Freie Strasse hinauffährt, sich also weder um das Fahrverbot in der Fussgängerzone noch um die Einbahnregelung kümmert. Ich finde es arrogant, wenn Leute, die am Rheinbord oder auf dem Barfüsserplatz feiern, essen und trinken, ihren Abfall einfach liegen lassen, obwohl Abfallbehälter vorhanden sind. Ich ­finde es gefährlich, wenn Autofahrer beim Wenden die Sicherheitslinie ignorieren. Ich finde es «gruusig» wenn Männer ungeniert an Hausecken pinkeln. Die Liste der Beispiele kann fast beliebig erweitert werden.

Die Tendenz ist gefährlich

Diesen Verhaltensweisen ist etwas gemeinsam: Demokratisch erlassene Bestimmungen werden bewusst verletzt – die eigene Bequemlichkeit steht im Vordergrund. Unser Verhalten wird – wo nötig – durch Vorschriften geregelt. Sie schränken das Handeln ein, damit andere nicht beeinträchtigt werden. Sie schützen vor Willkür und einem Rückfall in Zeiten, wo der Stärkere oder Mächtigere bestimmte. Gesetze gelten für alle; sie dienen dem friedlichen Zusammenleben. Wenn jetzt erschreckend viele – nicht nur junge Menschen – meinen: «Geltende Vorschriften sind für mich nicht verbindlich, ist doch egal, wen stört das denn …?», mag dies im Einzelfall harmlos erscheinen. Die Tendenz aber ist schädlich, eine Beliebigkeit im Beachten von Vorschriften als normal zu betrachten. Einzelne glauben gar, einen Anspruch auf unanständiges Verhalten zu haben.

Wohin führt das? Wie will man Kindern Regeln beibringen, wenn sie täglich die schlechten Vorbilder ­sehen? Anstand und Respekt sind Teil der Erziehung. Offensichtlich haben das nicht alle mitbekommen.

Es greift zu kurz, die notwendigen Korrekturen ausschliesslich zu ­fordern von der Schule und der ­Polizei (die beim Einschreiten regelmässig kritisiert und angepöbelt wird– auch von gewissen Politikerinnen und Politikern). Eigentlich weiss jede und jeder von uns, was sich gehört und was eben auch nicht. Anstand ­reduziert die Lebensqualität nicht.­ Zivilcourage von uns allen ist gefragt. Leider aber sind auch freundliche Aufforderungen, sich korrekt zu verhalten, nicht immer ungefährlich.

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