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Die Familie für Frisurenfragen

Karim Khidir flüchtete aus dem Irak in die Schweiz. Beim Haareschneiden lernte er seine Frau kennen. Heute führt er mit seinen Brüdern Alan und Dear zwei Coiffeursalons im Kreis 5.

Karim Khidir (links) und sein Bruder Alan vor der K-5-Filiale im Puls 5.Foto: Dominique Meienberg
Karim Khidir (links) und sein Bruder Alan vor der K-5-Filiale im Puls 5.Foto: Dominique Meienberg

Karim Khidir schneidet Haare, seit sein Vater starb. Seine erste Stelle fand er in einem kleinen Coiffeursalon in der nordirakischen Stadt Sulaymaniya. Das war 1987, Khidir war 13 Jahre alt.

Die Familie – sechs Brüder, eine Schwester – war auf Geld angewiesen, Karim brachte es heim. Mit 17 eröffnete er sein erstes eigenes Coiffeurgeschäft in Sulaymaniya. Er war zu jung, um einen Vertrag mit dem vorherigen Inhaber abzuschliessen. Seine Mutter musste das Dokument unterschreiben.

Heute schneidet Karim Khidir Haare im Kreis 5. Der 38-Jährige hat zwei Geschäfte. Das beim Limmatplatz führt er selbst, die Filiale im Puls 5 leiten seine Brüder Alan und Dear. Am 1. Februar kommt das dritte Geschäft hinzu. Khidir übernimmt einen Salon in Opfikon, gleich neben dem Glattpark.

Langeweile im Asylheim

Khidirs erster eigener Salon in Sulaymaniya war stets gut besucht. Doch die Lage im Irak war schwierig, besonders für die Kurden, die von Saddam Hussein verfolgt wurden. Khidir beschloss zu fliehen. Er war 21 Jahre alt, seine Ersparnisse erhielten die Schlepper. Sie führten ihn zu Fuss über die Grenze in den Iran und weiter in die Türkei.

Versteckt in einem Lastwagen reiste Khidir in die Schweiz. Zuerst landete er in einem Asylheim in St. Gallen. Dann kam er nach Bellach im Kanton Solothurn. Drei Jahre lang wartete er. Auf eine Aufenthaltsbewilligung oder einen negativen Entscheid. Er bekam die Aufenthaltsbewilligung.

Über die Zeit im Asylheim spricht Khidir ungern. Er war zum Nichtstun verdammt. Um gegen die Langeweile anzukämpfen, lernte er Deutsch und trieb Sport. Viel Sport.

Als Kurde war er nichtbei allen Kunden beliebt, einige sprachen nichtmit ihm.

Als Khidir die Aufenthaltsbewilligung erhielt, machte er sich auf die Suche nach Arbeit und landete bei einem türkischen Coiffeur in Basel. Als Kurde war er nicht bei allen Kunden beliebt, einige sprachen nicht mit ihm. Khidir lernte, damit zu leben. Und machte sich auf die Suche nach einer neuen Stelle. Er durchforstete das Telefonbuch nach Coiffeursalons. Je fremdländischer der Name, desto grösser die Chance für ihn, dachte sich Khidir. Er rief beim Coiffeur Istanbul in Zürich an.

Der Salon lag an der Neugasse neben dem Kino Riffraff, Khidir verstand sich auf Anhieb mit dem Inhaber. Im September 2004 fing er an, kurze Zeit später zog er nach Zürich. Er kannte niemanden in der Stadt.

Einsamkeit ist kein Problem, findet Khidir. Vor allem, wenn man Coiffeur ist. Da verbringt man den ganzen Tag mit Menschen. Und ist am Abend nicht unglücklich darüber, allein zu sein.

Lange blieb er es nicht. Neben dem Salon an der Neugasse wohnte eine junge Frau. Eine schöne Frau. Khidir sah sie am Geschäft vorbeigehen, einmal, zweimal. Beim dritten Mal ging er vor die Tür und sprach sie an. «Ich will dir die Haare schneiden», sagte er. Eine Woche später waren sie ein Paar.

Auch bei der Arbeit hatte Khidir Erfolg. Nach zwei Jahren fragte ihn sein Chef, ob er den Salon übernehmen wolle. Für 60'000 Franken. Khidir zahlte in Raten ab, 2500 Franken pro Monat, bis ihm das Geschäft gehörte. Dann erhielt sein Laden die Kündigung.

Im Puls 5 laufen die Geschäfte

Die Sozialversicherungsanstalt Zürich plante einen Neubau. Khidir tat sich bei der Suche nach einem neuen Standort schwer. Aber er hatte Glück, dass die SVA Pech hatte: Der Stadtrat bewilligte den Neubau nicht. Khidir gewann Zeit.

Im Oktober 2007 fand er ein neues Geschäft an der Limmatstrasse. Die Miete war deutlich höher als am bisherigen Ort. Doch die Lage war gut, gegenüber dem X-tra, im gleichen Kreis wie das alte Geschäft. Khidir taufte seine Firma danach. Sie heisst K 5.

Seine Familie hatte bereits einige Jahre zuvor beschlossen, den Irak ebenfalls zu verlassen. Drei Brüder, die Schwester und die Mutter liessen sich in München nieder, zwei Brüder kamen nach Zürich. Alan und Dear begannen, im K 5 mitzuarbeiten.

Die Geschäfte liefen gut. So gut, dass die Brüder 2010 die Filiale im Puls 5 eröffneten. Das Zentrum galt lange als Fehlgeburt: zu wenig Passanten, schlechter Geschäftemix. «Das hat sich völlig verändert», sagen die Brüder. Die Restaurants und Geschäfte sind voll, einen Termin im K 5 reserviert man am besten im Voraus. Im Gegensatz zu anderen kurdischen Coiffeuren in Zürich verlangt Khidir mehr als 25 Franken für den Haarschnitt. Männer bezahlen ab 43, Frauen ab 55 Franken. K 5 hat acht Angestellte, die meisten sind Schweizer.

In seiner Heimat war Khidir seit seiner Flucht nicht mehr.

Karim Khidir hat Wurzeln geschlagen in Zürich. Jeden Montag spielt er in Höngg Fussball mit Freunden, und er ist Stürmer bei Zenit in der Alternativen Liga. Im Moment muss er wegen einer Fussverletzung pausieren.

Mit seiner Freundin ist Khidir immer noch zusammen. Sie hat Wirtschaft studiert und als Beraterin gearbeitet. Vor acht Monaten kam die gemeinsame Tochter auf die Welt. Die Familie lebt in einer neuen Wohnung in Zürich-Affoltern, nahe dem Stadtzentrum, nahe am Grün, «perfekt», findet Khidir.

In seiner Heimat war er seit seiner Flucht nicht mehr. Aber jeden Abend sucht er auf den Internetseiten von CNN, al-Jazeera oder BBC Berichte über den Irak. Der Norden hat sich stark entwickelt. Viele internationale Firmen haben sich in Sulaymaniya niedergelassen, die Stadt gilt als ausgesprochen sicher. Dennoch gibt es wenig, was Khidir zurückzieht. Einige Freunde vielleicht. Und das Geschäft, in dem er vor 25 Jahren zum ersten Mal Haare geschnitten hat.

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