Die Anti-Aufklärer

Der islamische VIKZ will in Binningen ein religiöses Wohnheim eröffnen – die Geschichte eines Predigers, seiner Ideologie und seiner Gefolgschaft.

Umstrittener Verein: Die Eingangstüre des VIKZ in Zürich.

Umstrittener Verein: Die Eingangstüre des VIKZ in Zürich.

(Bild: Keystone)

Serkan Abrecht

Verband der Islamischen Kulturzentren – der Name klingt unverfänglich. Das dachten wohl auch die Gemeinderäte in Binningen, bevor sie das Baugesuch aufmerksam durchgelesen hatten. Die Organisation, abgekürzt VIKZ, plant in Binningen ein religiöses Internat für Kinder und Teenager. Fast hätten sie die notwendige Bewilligung für ihr Zentrum bekommen. Im allerletzten Moment legte der Gemeinderat Rekurs ein. Der VIKZ ist in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Die Furcht kam auf, radikale Islamisten würden sich vor den Toren Basels ansiedeln. Das stimmt zwar nicht. Bei den Mitgliedern des VIKZ handelt es sich um keine Jihadisten. Gegenüber Prime News sagt VIKZ-Präsident Fehmi Yildiz: «Wir stehen für einen neutralen, modernen Islam.» Dies gilt es jedoch zu bezweifeln.

Der Anfang

Die Geschichte des VIKZ beginnt in der Entstehungsphase der türkischen Republik in den 1920er-Jahren. Unter der Führung von Mustafa Kemal Atatürk und seiner sozialdemokratischen Volkspartei CHP, die das Land unter dem damaligen Einparteiensystem alleine regiert, werden tief greifende politische und gesellschaftliche Reformen durchgeführt. Die Türkei wird säkular, der Islam wie ein siamesischer Zwilling vom Staat abgetrennt. Im Eiltempo versucht die junge Republik zu Staaten wie Grossbritannien und den USA aufzuschliessen.

Die Scharia wird abgeschafft, das Schweizerische Zivilgesetzbuch, die Zivilprozessordnung vom Kanton Neuenburg, das schweizerische Schuldbetreibungs- und Konkursgesetz, das italienische Strafgesetzbuch und die deutsche Strafprozessordnung werden fast Wort für Wort übersetzt und vom Parlament als neue Gesetze eingeführt – der islamische Rechtskreis wird endgültig verlassen. Ganz zum Ärger der nostalgischen Monarchisten und islamischen Gelehrten.

Unter ihnen befindet sich auch Süleyman Hilmi Tunahan, der Übervater des heutigen VIKZ. Süleyman flüchtet 1913, damals 25 Jahre alt, während des Bulgarischen Befreiungskriegs aus seinem Geburtsland nach Istanbul und avanciert zu einem anerkannten religiösen Gelehrten – bis die Türkei der 1920er ihn nicht mehr will.

Der geistige Führer

«In dem türkischen Who is Who, dem gesellschaftlichen Adressbuch, das 1928 zum ersten Mal erscheint, wird die politische Umwälzung Jahr für Jahr greifbarer. Männer in europäischen Anzügen, Schriftsteller, Ärzte, Politiker und Beamte blicken einen dort von der Seite an», beschreibt die niederländische Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker in ihrem Buch «Eine Wellenlänge zu Gott» die damalige Zeit. «Vom religiösen Establishment, das immerhin 500 Jahre das öffentliche Leben beherrscht hatte, ist nicht mehr die geringste Spur zu finden. Stattdessen trifft man auf Bohemiens im offenen Hemd, Theatermacher, Dichter und Maler neben den Bildern ‹moderner› Frauen. Es erscheinen Dolmetscherinnen und Schuldirektorinnen mit modischem kurzem Haarschnitt à la Colette, Sängerinnen, Romanschriftstellerinnen, Künstlerinnen.» Prediger Süleyman passt nicht in diese Zeit – sein konservativ-islamisches Gedankengut auch nicht.

Nachdem Atatürk durch eine Bildungsreform alle Medressen – islamische Schulen – schliessen lässt, verlässt Süleyman Istanbul und wird zum Wanderprediger. Erst 1938 erhält er wieder eine Predigererlaubnis vom Religionsministerium. Sie wird ihm in seinem Leben zweimal wieder aberkannt – unter anderem, weil er behauptete, ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed zu sein. In den 1940er-Jahren entsteht um den Geistlichen eine Gemeinde, die sich bis heute Süleymancilar (Anhänger Süleymans) nennt – der VIKZ ist der europäische Ableger dieser Bewegung.

Das Ziel der Bewegung war und ist bis heute die religiöse Unterweisung – wenn nicht sogar Indoktrination – ihrer Schüler als Gegenakteur zur säkularisierten Schule. Deshalb gründet Süleyman 1951 im anatolischen Konya das erste Koran-Internat. Weitere werden folgen. Nach dem Tod des Predigers 1959 werden die Süleymancilar zu einer Laiengemeinschaft. Sie praktiziert eine konservative, mystische Auslegung des Islams. Ähnlich wie die Sufis.

Verehrt. Prediger Süleyman Tunahan, religiöser Übervater des Verbands der Islamischen Kulturzentren: Foto Wikipedia

Süleyman ist die spirituelle Leitfigur dieser Strömung – er ist der Mürsit (türkisch für: Geistiger Führer). Für diese Gemeinschaft wird einzig die Scharia als Rechtssprechung akzeptiert. Westliche Zivil- und Strafgesetze werden nicht anerkannt.

«Autoritäre Organisation»

Aufgrund der grossen Anwerbepolitik der Bundesrepublik Deutschland in der 1960er-Jahren migrieren über 820 000 Türken in die BRD. Viele verlassen das Land nie mehr, gründen Familien und schicken ihre Kinder in deutsche – säkulare – Schulen. Mitunter ein Grund für die Süleymancilar ebenfalls in Europa Fuss zu fassen und ihre fundamentalistischen Lehren unter die Diaspora-Türken zu bringen. Mit dem Verband der Islamischen Kulturzentren eröffnet die Bewegung 1973 ihren ersten Ableger in Köln. Heute gibt es in Deutschland ungefähr 300 Ableger des VIKZ. In der Schweiz wird der erste Verein 1979 in Zürich gegründet. 1981 folgt eine Niederlassung in Basel. Die Schweizer Zweigstellen werden zentral von Köln aus koordiniert.

«Wenn ein Mädchen etwas isst, was nicht halal (erlaubt) ist, braucht es 40 Tage, bis das Mädchen von dieser Sünde gelöst ist.»Ein Hodscha der VIKZ

Seither hat der VIKZ in ganz Europa islamische Internate gegründet, wo den Knaben und Mädchen – streng geschlechtergetrennt – die islamisch-mystischen Lehren von Prediger Süleyman beigebracht werden.

Die Kinder gehen zwar in eine reguläre Schule, in der sie sich mit naturwissenschaftlichen Themen wie der Evolutionstheorie befassen, die wiederum von Führern des jeweiligen VIKZ-Internats verneint wird. Für die Kinder ist das ein Leben in zwei Welten. Die türkische Enzyklopädie «Büyük Larousse» bezeichnet die Bewegung deshalb als «extrem konservative politische Strömung mit religiösem Anschein». Die ehemals linksliberale, heute konservative, Tageszeitung Milliyet beschreibt den VIKZ aufgrund ihrer unabdingbarer Verehrung von Prediger Süleyman als «autoritäre, ja sogar faschistoide Organisation».

Einblick aus Österreich

Im Gespräch berichten Kenner der islamischen Szene der BaZ , dass es sehr schwer sei, einen konkreten Einblick in die Organisationen der Süleymancilar zu erhalten. Sie würden nur unter sich agieren, ihre Lehren nicht nach aussen tragen, hätten Ähnlichkeit mit einer Sekte. Im deutschsprachigen Raum ist es der österreichischen Investigativjournalistin Melisa Erkurt jedoch gelungen einen Blick in die Gemeinde der VIKZ zu werfen. Sie kann mit einem ehemaligen Schüler eines Internats sprechen, der den dortigen Gelehrten vorwirft, ihn einer «Gehirnwäsche» unterzogen zu haben. Man habe ihm zudem ein «extrem verzerrtes», fundamentalistisch-patriarchalisches Frauenbild eingepflanzt.

Unter dem Vorwand, die minderjährige Schwester in das VIKZ-Internat einweisen zu wollen, wird die Journalistin durch die Einrichtung geführt. Der Hodscha, die Anrede für einen islamischen Religionslehrer, teilt ihr dort mit, dass für Mädchen ab neun Jahren eine Kopftuchpflicht besteht. Ausserdem wird das Essen nur halal zubereitet. Der Hodscha: «Denn, wenn ein Mädchen etwas isst, was nicht halal (erlaubt) ist, braucht es 40 Tage, bis das Mädchen von dieser Sünde gelöst ist; in dieser Zeit darf sie nicht an der religiösen Erziehung teilnehmen.»

Der Fall aus Niederösterreich ist im ganzen Land auf grosses Medieninteresse gestossen. Kamerateams wurden von den freundlichen Heimarbeitern durch die Anlage geführt. Stets priesen sie – wie auch in Binningen – einen modernen Islam an. «Auch uns haben sie damals ein supertolles Heim präsentiert», sagt Erkurt im Gespräch mit der BaZ, «was es aber nicht ist.» Nach ihrer Recherche haben sich noch vier weitere ehemalige VIKZ-Kinder bei der Journalistin gemeldet.

«Die Organisation ist gefährlich. Die Menschen, heute alle über 30 Jahre alt, wurden dort komplett indoktriniert und hatten ein völlig verzerrtes Weltbild, was sich dann erst im Erwachsenenalter auswirkte. Sie wussten nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Sie brauchten einen neuen Freundeskreis – einige waren traumatisiert.» Eine Gefahr für die Mehrheit der Gesellschaft sei die Organisation jedoch nicht. «Sie bleiben unter sich, versuchen, nicht aufzufallen und eine Parallelgesellschaft zu bilden. Für Kinder ist das enorm integrationshemmend», sagt Erkurt.

Ihre viel beachtete Recherche, die im Februar 2017 im Migrantenmagazin Das Biber unter dem Titel «Süleymans Kinder» veröffentlicht wird, zeigt, wie fundamentalistisch der VIKZ sein kann. Die Bewegung, die nun auch in Binningen ein Heim eröffnen will, praktiziert einen Islam, der nicht unbedingt dem Bild der liberalen, schweizerischen Gesellschaftsordnung entspricht. Die Entstehung eines VIKZ-Internats konnte der Binninger Gemeinderat mit seinem Einspruch kurzfristig verhindern. Ob zukünftig an der Baslerstrasse 9 Kinder die Lehren praktizieren werden, die schon in der Türkei seit den 1920er mit Misstrauen beobachtet werden, wird sich zeigen.

Basler Zeitung

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