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Der Oktopus beherrscht die Kunst der Zukunftsplanung

Diese Tiere lernen sehr schnell, wann ihnen welche Speise serviert wird. Für die Lieblingsspeise fasten Oktopusse gerne auch mal bisschen.

Mit seinen Tentakeln kann der Oktopus seine Umgebung rasch erkunden.
Mit seinen Tentakeln kann der Oktopus seine Umgebung rasch erkunden.
Nicole Pont

Es ist schon einige Jahre her, dass ich erstmals einem lebenden Tintenfisch nahe gekommen bin. Bisher war ich den Kopffüsslern nur als leblosen Bündeln von muskelreichen Tentakeln auf den Auslagen von mediterranen und hiesigen Fischmärkten begegnet, oft auch noch weich und platt geschlagen. Als eine «Meeresfrucht», die man mit anderem dem Meer entnommenen Getier zu typisch mediterranem und darum gesundem Salat anrichtet.

Jetzt aber schaute mir im Vivarium des Basler Zoologischen Gartens das interessant gefärbte Weichtier anscheinend interessiert zu, die mit Doppelreihen von Näpfchen bestückten Tentakeln elegant in Bewegung. Es schien mir, als lächelte mir der Cephalopode verschmitzt zu, aber das musste ich wie einiges andere in seinen verständigen Blick projizieren, ohne natürlich im Geringsten zu wissen, was in so einem vielarmigen Weichtier vorgeht. Immerhin: Sein Auge, heisst es, sieht so scharf wie jenes eines Wirbeltiers. Es war der Moment, wo ich beschloss, nie mehr «Polvo» zu essen.

Wer ihr zuschaut, wie geschickt sie mit ihren Tentakeln umgeht und die Gegend erkundet, könnte neidisch werden.

Es sollen ja gut 550 Millionen Jahre her sein, dass wir aus der Gattung Homo und darin zur besonderen Art sapiens zählend mit der Gemeinen Krake oder Sepia officinalis einen Vorfahren teilten. Das ist eine lange Zeit der Evolution, in der man sich einiges zulegen, Überflüssiges ablegen und manches perfektionieren konnte. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für die achtarmige Sepia. Wer ihr zuschaut, wie geschickt sie mit ihren Tentakeln umgeht und die Gegend erkundet, könnte neidisch werden. Neun Gehirne oder Nervenzentren hat die Krake in Betrieb, je eines pro Tentakel und ein weiteres. Separate Steuerungen arbeiten für jeden Fortsatz. Es gibt einen starken optischen Hirnteil und Zellen, die für die Veränderung der Farbe eingesetzt werden. Denn eine Gemeine Krake kann sich an Hintergründe anpassen wie ein Chamäleon. Viel verteiltes Hirn also, und daher kommt wohl, dass sie mit den enorm beweglichen Armen Flaschen oder Konservendosen öffnen können, wenn was Leckeres drin ist, und auch sonst allerlei intelligent erscheinendes Verhalten zeigen.

Neue Beispiele dafür werden laufend publiziert. So wurde eben in den «Biology Letters» der Royal Society berichtet, dass die «Meeresfrucht» ziemlich komplizierte Strategien beherrscht, wenn es um die Wahl von Nahrung geht. Pauline Billard von der Normandie Université in Caen hat mit Kolleginnen vom Departement Psychologie der Uni Cambridge an im Labor aufgezogenen Kraken zeigen können, dass die Tiere aufhörten, ihnen am Mittag angebotene Krabben zu verspeisen, wenn es eine sichere Aussicht gab, dass am Abend ihre Lieblingsspeise, Crevetten, serviert wird. Die Tiere lernten rasch, dass dies jeden zweiten Tag der Fall war. Das vorausschauende Fasten gaben die Tiere rasch wieder zugunsten der Krabben auf, wenn sich die Aussicht auf die Garnelen verdüsterte.

Ein Weibchen kann Hunderttausende von Jungtieren freisetzen.

Die Kraken sind bestens ausgerüstet, sich in ihrem Jagd- und Fangverhalten auf die günstigsten Möglichkeiten auszurichten. Sie greifen auf vieles zu, wenn das Sinn macht. Schnecken, Fische, Krabben, Garnelen – und andere Kopffüssler. Trotz allem haben sie aber ihre Lieblingsspeisen und lernen schon von jung auf, hier zielgerichtet zu reagieren. Dabei scheinen die achtarmigen Oktopusse sich auch an bestimmte erlebte Szenen erinnern zu können und entsprechend ihr Verhalten einzurichten. Es sieht ganz so aus, als ob die Gemeinen Kraken so etwas wie Zukunftsplanung beherrschen.

Berücksichtigt man, dass die schönen und extrem beweglichen Tiere eine natürliche Lebensdauer von nur drei bis vier Jahren haben und ihr Leben als Plankton und ohne Vorbilder beginnen, müssen die Tiere von Anfang an besonders lernfähig sein. Offenbar haben sich in den 550 Millionen Jahren die nötigen Fähigkeiten perfekt entwickelt.

Was die Rolle der Sepia officinalis als Meeresfrucht in mediterranen Salaten und anderen Gerichten betrifft, so werden jedes Jahr Zehntausende von Tonnen an Polvo, Pulpo, Polpo und Oktopus verspeist. Tröstlich mag da sein, dass die Tintenfische als Art vorerst nicht bedroht sind. Ein Weibchen kann Hunderttausende von Jungtieren freisetzen. Nur einmal im Jahr und am Ende seines kurzen Lebens, aber offenbar reicht das noch immer, um den Bestand zu halten und für Nachschub zu sorgen. Traurig dabei: Beide Eltern sterben meist bald danach.

Zu anstrengend alles.

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