Der Jude ist schuld

Ein paranoider Judenhass ist heute common sense in der islamo-arabischen Kultur. Für die Fans des islamistischen Predigers Tariq Ramadan ist daher die Schuldfrage längst geklärt.

Ist der «perverse Guru», wie das mutmassliche Vergewaltigungsopfer Henda Ayari den Schriftsteller bezeichnet hat, der grobe Harvey Weinstein des Islam?

Ist der «perverse Guru», wie das mutmassliche Vergewaltigungsopfer Henda Ayari den Schriftsteller bezeichnet hat, der grobe Harvey Weinstein des Islam?

Nach Henda Ayari haben in den letzten Tagen noch zwei muslimische Französinnen Klagen gegen den einflussreichen islamistischen Prediger und Autor Tariq Ramadan eingereicht. Und weitere Frauen überlegten sich eine Anzeige. Die Vorwürfe gleichen sich. Ramadan habe sie «geschlagen» und «geohrfeigt», zitiert Le Monde eine der Klägerinnen, eine gehbehinderte Konvertitin, zu «Oral- und Analverkehr gezwungen», «je mehr ich schrie, desto mehr schlug er», an den «Haaren durchs Hotelzimmer geschleift» und in der Dusche «über sie uriniert».

Die dritte Klägerin gab zu Protokoll, Ramadan habe sie sexuell bedrängt und sexuelle Dienste mit der Drohung erpresst, «kompromittierende Bilder» von ihr zu veröffentlichen. Ist der «perverse Guru», wie das mutmassliche Vergewaltigungsopfer Henda Ayari den Schriftsteller bezeichnet hat, der grobe Harvey Weinstein des Islam?

Verleumdungskampagne seiner «ewigen Feinde»

Ramadan hat Gegenklagen deponiert. Er stellt sich als Opfer einer Verleumdungskampagne seiner «ewigen Feinde» dar. Wer diese sind, verrät er nicht. Aber seine Anhänger auf den sozialen Medien werden konkreter. Die Anschuldigungen seien das Werk einer «internationalen zionistischen Verschwörung», verkünden diese, mit dem Ziel, das Ansehen des 55-jährigen Islamisten und des Islam zu beschmutzen.

Die Juden stecken hinter allen Übeln der Welt, den kleinen und den grossen, hinter den Revolutionen, den Weltkriegen, dem Atheismus, der Prostitution, dem Zerfall der Familie und dem Niedergang des osmanischen Kalifats. Dies war nicht nur die Auffassung der von Tariq Ramadan verehrten Hassan al-Banna und Sayyid Qutb, Ersterer sein Grossvater und Gründer der Muslimbruderschaft, Letzterer dessen wortgewaltiger und giftiger Theoretiker.

Ein paranoider Judenhass ist heute common sense in der gesamten islamo-arabischen Kultur, vom Schuhputzer in Saana bis zum Vorsteher der Al-Azhar-Universität und auch in Teilen der muslimischen Diaspora in Europa. Die ewige Versuchung: Man stilisiert sich zum Opfer und schiebt die Schuld am eigenen Versagen den anderen zu. Sollten sich weitere vergewaltigte Frauen melden und Tariq Ramadan einst von einem Gericht schuldig gesprochen werden, nichts wird seine Gemeinde anfechten. Für sie ist das Urteil längst gefällt: Der Jude ist schuld.

Basler Zeitung

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