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Das Müesli und die Likes

Die Mediengeilheit vieler Menschen hat ein erschreckendes Ausmass angenommen.

Der ideale Moment, ein Zmorge in Südostasien zu posten, ist offenbar erst um 14 Uhr erreicht.
Der ideale Moment, ein Zmorge in Südostasien zu posten, ist offenbar erst um 14 Uhr erreicht.
aedkafl - stock.adobe.com

Am Bahnhof Dietikon liegt ein junger Mann, niedergeschlagen und mit blutüberströmtem Gesicht. Ein anderer kommt vorbei und schiesst, klick, ein Foto mit seinem Handy. Dass er sich angeblich nicht getraut habe, dem Verletzten zu helfen, ist das eine. Dass er es aber versäumte, Rettungskräfte zu alarmieren und sogar noch ein Handybild des Opfers an die Medien schickte, das andere.

Der Vorfall vom Wochenende zeigt, dass die Mediengeilheit vieler Menschen ein erschreckendes Ausmass angenommen hat. Schönes, Furchtbares oder ganz Banales: Alles wird sofort fotografiert, verschickt, gepostet. Nie werde ich einen Tag vergessen, an dem ich am Newsdesk einer Zeitung Leserreporter-Fotos sichtete. In Bümpliz war ein junges Paar unter einen Zug gekommen und tödlich verletzt worden.

Ich klickte zweimal auf das nächste Bild. Und da war sie, die Nahaufnahme eines abgetrennten, blutigen Beins. Wer ist so krank, das zu fotografieren? Leider viele. Zahlreiche Personen sind nach dem Unglück als Erstes auf die Gleise gerannt, um den «besten» Schnappschuss der Getöteten zu machen. In der Folge entbrannte eine Diskussion darüber, ob die Zeitungen mit ihren Aufrufen nach Bildern und Storys schuld daran sind, dass die User immer schneller immer krassere Fotos schicken wollen.

«Happy and Healthy»

Genauso wie aktuell darüber debattiert wird, ob die Like-Funktion auf Instagram erfolglose User in den Selbstmord treibt – wie der Rapper Jay-Z es vermutet. Tatsächlich ist erschreckend, wie schlecht selbst Erwachsene mit den Sozialen Medien umgehen können. Ein Freund, der mit mir in Thailand unterwegs war, fotografierte eines Morgens sein Müesli. «Happy and Healthy» hiess das Gericht aus Reismilch, Vollkornflocken und allerlei angeblichem Superfood. Vegan, gesund und schön angerichtet – es war die Essenz von Instagram. Die Kehrseite des Super-Müeslis: Der Freund konnte an jenem Tag nicht mit zum Schnorcheln kommen. Denn der ideale Moment, ein Zmorge in Südostasien zu posten, ist offenbar erst um 14 Uhr erreicht. Dann, wenn sich daheim die Schweizer an den Frühstückstisch setzen. Das gibt dann mehr Likes.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie stark viele Menschen mit Online-Plattformen und Sozialen Medien überfordert sind. Wie sehr ihr Leben nur noch in mehr oder weniger inszenierten Bildern stattfindet. Das echte Erleben ist in den Hintergrund gerückt. Genauso wie das echte Empfinden. Wie sonst könnte man erklären, dass Verletzte fotografiert statt versorgt werden? Dass jemand Haferflocken postet statt baden zu gehen? Von den Eltern ist in dieser Hinsicht wenig zu erwarten, haben viele doch selbst den Verstand verloren und zeigen ihre Kinder täglich im Internet herum. Schaut mal, wie Joshua-Enrique nackt sein Eis isst! Wow, 59 Likes!

Den Gefällt-mir-Button zu streichen, wäre dennoch nicht zielführend. Die Instagram-Egomanen fänden rasch eine neue Bühne. Es ist daher extrem wichtig, dass an Schulen ein vernünftiger Umgang mit allen Möglichkeiten des Internets gelehrt wird. Dann besteht die Hoffnung, dass künftige Generationen irgendwann ein Müesli wieder einfach nur essen können.

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