Das Drama, das keines sein darf

Warum uns die Gesundheit von Politikern interessieren darf und weshalb wir trotzdem selten die Wahrheit über deren Befindlichkeit erfahren

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Martin Furrer

Angela Merkel zittert, das Publikum zuckt betreten zusammen, die Medien vibrieren. Dreimal ist die deutsche Magistratin in den vergangenen Wochen bei öffentlichen Auftritten durch unkontrollierte Körper­bewegungen aufgefallen.

«Wie krank ist die Kanzlerin?», titelte die «Bild»-Zeitung. Der «Stern» ­machte sich «Sorgen um Merkel». Und das Magazin «Focus» betrieb Journalismus mit der Stoppuhr: «Der dritte Zitteranfall dauerte länger als eine Minute!»

Kleines, kaum gravierendes Gesundheitsproblem

Wie immer, wenn schneller Rat gefragt ist, sind Experten schnell zur Hand. Munter stellen sie Ferndiagnosen. Ein Neurologe mutmasst: «Wenn ich mir die Videos ansehe, gibt es eine Krankheit, an die ich sofort denken muss: den orthostatischen Tremor. Es ist eine seltene Krankheit des Nervensystems, die im Prinzip banal ist.

Wir halten fest: Angela Merkel hat also nur ein kleines, kaum gravierendes Gesundheitsproblem. Wir erkennen: Die Medien rapportieren, wie es ihre Pflicht ist: Sie spekulieren und ­analysieren. Wir konstatieren: Die Öffentlichkeit schaut gebannt zu.

Die Rollen sind verteilt. Alles klar?

Keineswegs. In den ARD-­«Tagesthemen» sah sich der ­Berlin-Korres­pondent genötigt, die Bericht­erstattung des Fernsehsenders zu rechtfertigen.

Er sagte: «Müssen wir darüber ­berichten? Man kann ja auch sagen, da ist eine Frau, die hat offensichtlich ein Problem, da kann man Mitleid haben und galant über diese Vorfälle ­hinwegsehen.»

Das tat der Korrespondent dann allerdings nicht. Er warf der Kanzlerin vielmehr vor, sie weigere sich, Klarheit über ihren Gesundheitszustand zu schaffen.

Argumentatorische Pirouetten

Dabei hat Merkel vor geraumer Zeit erklärt: «Mir geht es sehr gut, man muss sich keine Sorgen machen. Ich glaube, dass es so, wie eines Tages gekommen ist, auch wieder vergehen wird.»

Der ARD-Mann vollführte vor der Kamera argumentatorische Pirouetten. Denn er weiss, dass Zuschauer, Zuhörer, Leser ein eminent widersprüchliches Publikum sind. «Solange die Kanzlerin leistungsfähig ist, geht ihre Gesundheit den Bürger nichts an», rufen sie empört in Onlinekommen­taren und erklären die ­Angelegenheit kurzerhand zur ­«Privatsache».

Sie geben vor, es interessiere sie nicht, warum Merkel leidet. Gleichzeitig verschlingen sie dazu jede Zeile, jeden Artikel. Sie behaupten, pietätvoll wegzuschauen, wenn das Fernsehen zeigt, wie die Frau zittert. In Tat und Wahrheit schalten sie auf Repeat, wenn in Videoclips die peinlich-­peinvollen Auftritte der Kanzlerin dokumentiert werden. Es herrscht Hochkonjunktur für Heuchler.

Augen zudrücken: das steht nicht im Pflichtenheft

Merkel quält sich durch den Sommer, und die Frage drängt sich auf: Darf man sich dafür interessieren, wenn Politiker Schwäche zeigen? Dürfen Medien deren Gesundheitsprobleme zum Thema machen? Die Frage ist berechtigt, denn das Drama um Merkel scheint für viele ein Drama zu sein, das keines sein darf.

Ja, wenn Merkel zittert, ist Hinschauen selbstverständlich erlaubt. Neugierde ist eine Vorstufe der Anteilnahme, also eine durchaus akzeptable, menschliche Regung. Galant darüber hinwegsehen – das sollten auch die Journalisten nicht tun. Sie sollten vielmehr ihre Arbeit machen. Die Augen zuzu­drücken, das steht nicht in ihrem Pflichtenheft.

Merkel sagte: «Mir geht es sehr gut.» Kann man ihr glauben? Ist der Fall damit erledigt? Natürlich nicht.

Tutto okay!

Viele Magistraten regieren nach dem Prinzip des schönen Scheins, das besagt: Verrate nie, wie es hinter der Fassade wirklich aussieht. Sie handeln wie der Katastrophenkapitän ­Francesco Schettino, der 2012 mit seinem Kreuzfahrtschiff an einer Insel nahe der italienischen Mittelmeer­küste leckschlug.

Während das Schiff unterging, funkte er der Hafen­behörde: «Tutto okay!»

Bundesrat Willi Ritschard liess sich von der «Schweizer Illustrierten» als fitter Wanderer fotografieren. Der scheinbar vitale Departementschef starb 1983 im Amt an einem ­Herz-infarkt.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Finanzminister Otto Stich schien unerschöpfliche Energie zu haben und musste doch 1994 nach einem Schwäche­anfall auf einer Bahre aus dem Bundeshaus getragen werden. Volkswirtschaftsminister Jean-Pascal Delamuraz galt als personifizierte Lebenslust, litt aber an Herzstörungen und einem Lebertumor, an dem er wenige Monate nach seinem Rücktritt 1998 starb. Christoph Blocher unterzog sich 2005 als Bundesrat heimlich einer Darmoperation. Als ihn seine Regierungskollegen fragten, warum er so bleich aussehe, flunkerte er, er habe verdorbenen Fisch gegessen.

Der französische Präsident Georges Pompidou, verstorben 1974, erkrankte in den 1970er-Jahren schwer. Das Elysée spielte die Krankheit wochenlang als «Erkältung» herunter.

Es hätte durchaus Tradition

Hillary Clinton kollabierte im Präsidentschaftswahlkampf 2016, ihr Team sprach von einer «saisonalen Allergie». In Wirklichkeit litt Clinton unter einer Lungenentzündung. Der russische Präsident Boris Jelzin hatte eine Herzinsuffizienz, der er 2007 erlag; der Kreml versuchte, die Krankheit als «Bronchitis» zu vertuschen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Angela Merkel leidet – vielleicht tatsächlich am orthostatischen ­Tremor. Sollten wir die Wahrheit erst nach ihrer Demission oder nie erfahren, hätte das durchaus Tradition.

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