«Da werden Frauen fotografisch massakriert»

Interview

Er hasst Sexismus, seine Kamera liebt Schönheit, ohne die Würde zu verletzen: Unsere Autorin traf den Starfotografen Peter Lindbergh, um mit ihm über Selfies, High Heels und seinen Streit mit «Vogue»-Teufelin Anna Wintour zu plaudern.

«Es ist doch tragisch, was da im Internet abläuft»: Peter Lindbergh, Gigant der Modefotografie.

«Es ist doch tragisch, was da im Internet abläuft»: Peter Lindbergh, Gigant der Modefotografie.

(Bild: Keystone)

Ein gut gelaunter Peter Lindbergh begrüsst mich in einem Zürcher Luxushotel. Ich offenbare meine dezent feministische Absicht des Gesprächs und fürchte Augenverdrehen. Stattdessen schenkt er mir Wohlwollen: «Sehr gut, sehr gut. Ich hatte soeben Journalisten, die waren total erstaunt, dass ich auf der ‹anderen Seite› stehe.» Meine Frage, ob er nicht fürchte, in der feministischen Hölle zu schmoren, hat sich somit erübrigt.

Die dachten, Sie wären Sexist?
Dass ich hohe Stöckelschuhe und viel Make-up gut finde.

Finden Sie nicht?
Ich habe nichts gegen hohe Schuhe. Wenn eine Frau sich dabei toll fühlt, ist das was anderes, als wenn sie die für irgendwelche Idioten anzieht. Passen Sie mal auf, wenn Sie hohe Schuhe anziehen, um zu gefallen, dann möchten Sie dem Falschen gefallen. (Lesen Sie auch: High Heels aus Metall)

Er schüttelt den Kopf und guckt mich kritisch durch seine Brille an. Ich überlege gerade, warum ich eigentlich meine sündhaft teuren Chie-Mihara-High-Heels so mag.

Sind Menschen heute gefallsüchtig?
Das war schon immer so. Nur heute ist es schlimmer, weil alles so schnell verbreitet wird. Früher waren die schlimmen Typen unter sich, heute sind sie alle im Internet.

Im Netz wimmelt es von Amateurfotos. Was halten Sie von Selfies?
Was ist denn das?

Mit der Handycam aufgenommene Selbstporträts. Meist junge Leute, die sich sexy inszenieren und das Ergebnis dann ins Netz stellen.
Selfies nennt man das? Hab ich noch nie davon gehört ...Während die Mutter schimpft, weil man sein Zimmer nicht aufgeräumt hat, macht man sich im Nebenraum als Pamela Anderson oder Greta Garbo fertig. Ist das ein Selfie?

Ja, zum Beispiel.
Ist ja nett, wenn junge Leute von sich selber Persönlichkeiten im Netz konstruieren. Ich frage mich aber, wen interessiert das? Es ist doch tragisch, was da im Internet abläuft, immer allen sagen zu müssen, was man gerade tut, und Fotos an seine 5000 Freunde (zeichnet Gänsefüsschen in die Luft) zu verschicken. Das einzig Gute, jeder kann heute mit der iPhone-Kamera für fünf Minuten Leonardo da Vinci sein. (Lesen Sie auch: Selfies, aber richtig!)

Sie waren in den Achtzigerjahren bereits erfolgreicher Modefotograf. Wie erleben Sie die heutige Modebranche?
Eine einzige Katastrophe. Neunundneunzig Prozent der Leute fotografieren ohne Bewusstsein irgendwelches Zeug, mit verdrehten Coiffeusen aus Kleinstädten, die von der «Vogue» träumen. Da werden Frauen massakriert, die dann alle aussehen wie Vogelscheuchen. Vollgeschmiert mit Make-up. Fürchterlich. Und alles digital gnadenlos scharf. Sind die Beine etwas zu kurz, die Hüfte etwas zu breit, wird da ohne darüber nachzudenken rumgefummelt. Und das gilt dann heutzutage als schön.

Mir fällt der Bildband ein, den ich für einen Bekannten signieren lassen soll. «Images of Women», wunderbare Schwarzweissfotos von Models und Filmstars.

Man sagt ja, dass Sie die Frauen lieben. Das sieht man in Ihren Bildern. Mein Bekannter meint, das sei ein männlicher Blick, der nie die Würde der Frau antastet.
Das ist das schönste Kompliment. Schöner kann man es gar nicht sagen. Das ist genau, was mir am Herzen liegt, in meiner Kunst, die menschliche Würde zu wahren. (Lesen Sie dazu auch: «Nackt!»)

Er schliesst den schweren Bildband und reicht ihn mir über den Tisch.

Ist natürliche Schönheit heute verloren?
Manchmal schockieren junge Leute, mit denen ich arbeiten soll. Da erwartet man eigentlich, die wären etwas frischer, aber die haben überhaupt keinen Sinn mehr für Kultur. Jeder quasselt dem Fotografen während eines Shootings rein. Alles, was früher mal Kultur war und irgendwie Sinn machte, ist heute zu einer grossen demokratischen Sauce verkommen.

Also doch keine Demokratisierung der Kunst, oder was ist das Problem?
Es gibt praktisch keine Intimität mehr und keine Persönlichkeiten mehr. Ich wage zu behaupten, dass kein einziger Fotograf was Neues geschaffen hat in den vergangenen fünfzehn Jahren.

1988 waren Sie für damalige Verhältnisse sehr radikal: Sie gingen mit Models auf die Strasse und fotografierten sie in Jeans.
Ich wollte ja damals gar nichts Neues machen. Die Initialzündung war die amerikanische «Vogue» mit Chef-Editorin Grace Mirabella. Ich wollte nicht mit der «Vogue» arbeiten, weil ich die Frauen in den Magazinen nicht toll fand. Sie repräsentierten eine Frau, die sich über den Status definierte, reich verheiratet, im perfekten Apartment an der 5th Avenue mit dem perfekten Hündchen ein perfektes Leben führte. Unschuldig kam Peterchen aus Duisburg nach New York und sagte: «Wissense wat, sowat, dat möchte ich nich.» Da forderte mich Mirabella auf, zu zeigen, was für mich eine tolle Frau sei. Und daraufhin entstand dann eben das Bild mit den Mädels am Strand in den weissen Shirts. Das war dann die Revolution, die gar nicht als solche gedacht war. Und zwei Jahre später kam dann mein Cover, der Stempel einer Epoche.

Er spricht die legendäre Begegnung mit Anna Wintour an, dank der er seine Vorstellung von Modefotografie für die «Vogue» zuerst in England und dann auch in den USA umsetzen konnte. Wintour und Lindbergh hatten während vier Jahren eng zusammengearbeitet, bis er 1992 vom «Harper's Bazaar» abgeworben wurde und sie sich während fünfzehn Jahren nicht mehr grüssten.

Warum haben Sie sich damals Anfang der Neunziger mit Anna Wintour zerstritten?
Ich?

Ja, Sie. Erst 2010 soll das Kriegsbeil im Hotel Ritz in Paris bei einem geheimen Treffen begraben worden sein.
Anna und ich waren sehr eng befreundet, hatten alles zusammen gemacht zur Zeit, als sie noch bei der englischen «Vogue» und beim «New York Magazine» arbeitete. Als wir uns zum ersten Mal trafen, knallte es bereits. Sie meinte, ich müsste Farbfotos machen. Ich sagte: «Wenn du Farbe haben willst, kannst du nach Hause fahren.» Das war das einzige Mal in unserer Geschichte, wo ich gewonnen hatte. Sie gewinnt sonst immer.

Warum verliessen Sie die «Vogue»?
Die «Vogue» war halt kommerziell und beim «Harper's Bazaar» der Neunziger konnte ich mich austoben. Die «Vogue» sah daneben aus wie ein Warenhauskatalog. Und so haben die dann mich und Liz (Tilberis) von der «Vogue» abgeworben. Leider ist Liz dann sehr schnell an Krebs gestorben, und Anna konnte sich dann mit der «Vogue» durchsetzen.

Wieso gingen Sie 2010 wieder zurück zur «Vogue»? Wegen des Geldes?
Nein, es ging um Kunst, nie um Kohle. Man sprach nicht über Geld, das war ja da. Die Versöhnung kam, weil sie mich brauchten. Aber «Harper's» wollte mich nicht gehen lassen. Das war das Schlimmste, was ich jemals tun musste. Da sitzen die erfolgreichsten Leute dann vor dir und heulen. Damit kann ich nicht umgehen

Was ist für Sie Erotik?

Er denkt lange nach.

Mir sagte kürzlich jemand: «Herr Lindbergh, Sie sind doch mit den schönsten Frauen der Welt zusammen.» Da verneinte ich: «Ich bin mit den schönsten Models der Welt zusammen, die schönsten Frauen der Welt kenne ich überhaupt nicht.» Oder einer fragte: «Herr Lindbergh, was ist ein schöner Mund?» – «Einer, der sensible schöne Dinge sagen kann.» Da hat er dumm gekuckt. – «Sie als Fotograf sagen so was?» (Lesen Sie auch: Die Pornstar-Falle)

Schönheit und Erotik sind nicht dasselbe. Oder was ist erotische Ausstrahlung für Sie in einer Fotografie?

Er sucht in seinem Laptop. Nach einer Minute zeigt er mir noch unveröffentlichte Bilder eines Shootings. Eine Frau, die mich an Anna Magnani erinnert und Männer aus Filmen wie «Rocco e i suoi fratelli». Starke Bilder im Stil des italienischen Neorealismus, in einem italienischen Küstendorf. Lindbergh, der auch selbst Filme realisiert, ist ein Bewunderer von Fellini oder Pasolini.

Das sind meine Lieblingsfilme, da fühle ich mich zu Hause. Vielleicht weil ich aus dem deutschen Sizilien komme. Duisburg ist ja auch etwas abgegriffen.

Abgegriffen klingt gut. Erotik kann ja nur aus einer Lebendigkeit heraus entstehen. Die Welt der Modemagazine, der Werbung scheint mir heute weniger lebendig als platt.
Heute kreiert ja keiner mehr was, die Leute gucken die ganze Zeit nur Bilder von andern an und sagen: Lass uns das hier machen. Solche Leute muss ich dann leider rausschmeissen. Lieber geh ich Brötchen verkaufen, als so zu fotografieren. Ich bin übrigens allergisch gegen Kabel beim Fotografieren.

Welche Kabel?
Die vom Monitor, hinter denen die ganze Crew dann im Nebenraum mitverfolgt, was der Fotograf gerade für Bilder schiesst. Und dann ruft dir einer zu: «Hey, sag ihr doch mal, sie soll den Arm noch etwas mehr nach links halten.» Er wendet sich vom Tisch ab, als rufe er jemandem zu. Da bin ich allergisch, und es wird immer schlimmer mit dem Alter. Die ganze Schönheit der Fotografie und die Beziehung zwischen Mann und Frau werden dadurch kaputt gemacht. Das ist das Ende der Kultur, das Ende der Fotografie.

Sind Sie Kulturpessimist?
Ich denke nicht darüber nach. Würde ich darüber nachdenken, wäre ich total kulturpessimistisch. Was man heute in den Modemagazinen sieht, ist ein solcher Insult an die Intelligenz. Nicht nur Intelligenz, an jede echte Emotion. Längere Pause. Ich bin wohl der grösste Kulturpessimist aller Kulturpessimisten.

baz.ch/Newsnet

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