Cannabis, my Love

Die nach Alkohol und Nikotin am weitesten verbreitete Droge zieht Millionen in ihren Bann. Daraus kann eine langjährige Beziehung entstehen – mit allen Höhen und Tiefen. Bekenntnisse einer Cannabis-Freundin

Für viele sind das die schönsten Pflanzen, denen man liebevoll Sonnenlicht und Aufmerksamkeit schenkt. Foto: Brennan Linsley

Für viele sind das die schönsten Pflanzen, denen man liebevoll Sonnenlicht und Aufmerksamkeit schenkt. Foto: Brennan Linsley

Ich kenne Cannabis schon seit meiner Jugend. Meine gute Freundin ist mir in vielen dunklen Stunden beigestanden, Stunden, die vermutlich weniger dunkel gewesen ­wären, hätte ich sie nie ge­troffen. Und mich ihr über Jahre bedingungslos hingegeben. Aber so ist das mit der Liebe. Man stellt sie nicht infrage.

Cannabis war in vielen Krisen meine Vertraute und Seelentrösterin und immer für mich da. Unsere Beziehung mag keine Vorzeigebeziehung sein, und als Vorbild kann sie in unserer Zeit der neuen Nüchternheit auch nicht dienen. Doch sie gehört zu den längsten und stabilsten meines Lebens. Wir hatten unsere Hochs und Tiefs, wir hatten unsere Beziehungskrisen und Versöhnungen. Immer wieder haben wir uns getrennt, aus den Augen verloren und wieder ­gefunden. Wir sind wohl einfach füreinander geschaffen.

Liebe auf den ersten Blick war es nicht – dazu ist die Droge wohl zu kompliziert. Ich war 15, und Cannabis stach mir bei der ersten Begegnung nicht besonders ins Auge. Im Gegenteil, ich fand sie eher anstrengend. Meine damalige beste Freundin, die sich schon schminkte, tolle Frisuren trug und vorlaut und frech war, nahm mich mit in den Wald.

Ich weiss nicht mehr, ob sie mich vorgewarnt hatte, was wir dort tun würden, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wie ich reagierte. So wie Jugendliche meistens reagieren, wenn sie sich auf Dinge einlassen, von denen sie genau wissen, dass ihre Eltern sie ihnen ver­bieten: «Her damit!» Äusserlich cool – innerlich ängstlich und neugierig. Was man natürlich nie zugeben würde.

Meine Freundin drehte den Joint und reichte ihn mir, und da ich des Rauchens noch unkundig war, saugte ich einfach tief in die Lunge. Es folgte ein Husten­anfall, und schwer keuchend gab ich den Joint weiter. Wiederum mit dem Ausdruck: «Hey, alles cool!», wobei mir meine Stümperhaftigkeit schmerzlich bewusst war. Ich war ja so ein Greenhorn. An die Wirkung kann ich mich nicht mehr erinnern, grossartig fand ich sie nicht. Entsprechend schenkte ich Cannabis in den folgenden Monaten ­wenig Beachtung.

Vom Ferienflirt zur Beziehung

Und dann kam das Skilager. Ich war siebzehn und noch nie zuvor in einem Skilager gewesen, es war das erste meines Lebens. Entsprechend unsicher war ich, denn obschon ich mich rebellisch und selbstbewusst gab, war ich doch recht scheu und hatte Probleme, auf Leute zuzugehen. Ich kannte niemanden da. Aber alle kannten Cannabis. Das vereinfachte einiges. Wir stellten uns einander gegenseitig vor, hatten auch sofort gemeinsame Interessen, und bald verstanden wir uns blendend.

Es war einfach wunderbar. Wir fuhren Ski, die Sonne schien, und immer wieder machten wir abseits der Piste Pause mit Cannabis. Der Schnee hatte noch nie so hell geglitzert, und auch sonst war es nie zuvor so lustig gewesen. Und wir hatten immer etwas zu tun, denn Cannabis unterhielt uns das ganze Lager hindurch.

Als wir dann wieder nach Hause fuhren, fühlte es sich an wie ein Ferienflirt. Wir wussten beide nicht so richtig, ob wir bereit wären für eine tiefere Beziehung, vor allem auch, weil Cannabis zuweilen sehr anstrengend und besitz­ergreifend sein kann. Das wusste ich damals zwar noch nicht, doch es wurde mir in den folgenden Wochen klar. Manchmal schoben ich und meine Freundin morgens in der Zehn-Uhr-Pause einen Quickie auf der Toilette, um später völlig derangiert ins Schulzimmer zurückzuwanken und während des Unter­richts umzukippen. Und natürlich lenkte mich Cannabis über Gebühr von der Schule ab. Was ich nicht weiter schlimm fand, das war ja unter anderem der Zweck der Übung.

Einmal hatten wir oralen Verkehr, und das war keine so gute Idee. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie wir zusammengekommen sind an dem Abend. Irgendwann aber waren wir in der Disco, und die Bässe wummerten, und Alkoholdunst lag in der Luft, als die Droge anfing, von mir Besitz zu ergreifen. Erst nur leicht, dann wurde es stärker, meine Beine wurden gummig, ich beschloss, mich hinzusetzen. Der Rausch verstärkte sich, sodass ich beschloss, es wäre wohl am besten, mich hinzulegen. Doch es hörte nicht auf, der Rausch legte sich wie eine schwere Decke über mich, aber leider konnte ich mich nicht noch mehr hin­legen. Also blieb mir nichts mehr zu tun, als so dazuliegen, unfähig, mich zu rühren, hilflos in einem Strom von Gedanken und Gefühlen trudelnd. Ich tat, was man in solchen Situationen notgedrungen tut: Ich hielt es aus.

Irgendwann dachte ich, dass frische Luft mir vielleicht guttun würde, und schleppte mich auf Gummibeinen hinaus. Es war ein kurzer Weg, aber es dauerte sehr lang, bis ich es geschafft hatte. Und die frische Luft half wenig, sodass ich mich erneut hinlegte und endlos im Boden versank.

Die psychotische Seite

Irgendwann besserte sich mein Zustand so weit, dass ich den Entschluss fasste, nach Hause zu fahren. Diese Unternehmung erwies sich als schwierig, da es ein gewisses Mass an Feinmotorik verlangt, ein Velo­schloss zu öffnen. Und damit war es bei mir nicht mehr weit her. Wie eine Horde mittelalterlicher Krieger, die mit dem Rammbock ein Festungstor bearbeiten, versuchte ich ein ums andere Mal, mit dem Schlüssel ins Schloss zu treffen. Ich erinnere mich an eine Heimfahrt über Wiesen und Felder, die sich anfühlte, als pflügte ich durch zähflüssigen Honig. Oraler Verkehr mit Cannabis, so wusste ich nach diesem Erlebnis, würde ich künftig mit Vorsicht geniessen wenn nicht gleich ganz unterlassen.

Den Kontakt zu Cannabis pflegte ich aber weiter, denn mittlerweile hatte ich sie lieb gewonnen. Und über die Jahre entwickelte sich eine innige Beziehung zwischen uns. Ich würde sie nie verharmlosen. Manchmal ist Cannabis deine beste Freundin, sie versteht dich wie niemand sonst. Sie nimmt dich mit auf Reisen um die Welt, ohne dass du einen Finger rühren musst. Sie bringt dich zum Lachen und schenkt dir Ideen, an die du dich zwar manchmal nicht mehr richtig er­innerst, aber das kann man lernen. Manchmal allerdings entpuppt sie sich plötzlich als diese psychotische Freundin, die dich fertig machen kann wie niemand sonst. Sie flüstert dir ein, du seist der letzte Mensch auf Erden, nicht gesellschaftsfähig und eine Zu­mutung für deine Mitmenschen. Dass ­jeder merken müsse, wie unzulänglich du bist, eigentlich gestört. Und dass jeder, der dich ansieht, dich sofort als den Hochstapler entlarve, der du in deinen dunklen Stunden zu sein glaubst.

Ausserdem hat Cannabis Suchtpotenzial. Theoretisch kann man zwar jederzeit verzichten – ohne Entzugserscheinungen. Aber man will nicht verzichten. Und um nicht verzichten zu müssen, nimmt man die grössten Dummheiten auf sich. Ja, manchmal veranstaltet Cannabis mit dir hinterlistige Machtspielchen, und wenn du nicht früh genug lernst, dich ihren Ansprüchen zu ent­ziehen, dann knechtet sie dich, und du erwischt dich dabei, wie du sinn- und planlos herumrennst, nur um an sie heran­zukommen.

Wir machten wiederholt Schluss, dann warf ich sie mit dramatischer Geste aus dem Fenster und schwor mir, sie niemals wieder zu treffen. Nur um mich am selben Abend noch mit einer Taschenlampe aus der Wohnung zu schleichen und unter meinem Fenster nach ihr zu suchen. Manchmal denke ich auch, dass sie mir in meiner Jugend genau das bedeutete: Sie gab mir die Aufgabe, mich um sie zu kümmern, sie zu treffen. Danach richtete ich alles aus.

Selbst im Ausland wollte ich nicht auf sie verzichten. Und so stand ich ­eines Tages in einem Park in London, lachte mir ein paar Dealer an und dachte, ich könne jetzt ein bisschen mit Cannabis schäkern, stört ja keinen. Es dauerte keine fünf Minuten, da tauchten zwei Polizisten auf und behandelten mich wie einen Schwerverbrecher. Das dachte ich jedenfalls damals. Heute würde ich eher sagen, sie behandelten mich wie eine ausgeflippte 19-Jährige, die die Regeln nicht respektiert und glaubt, man werde schon Mitleid mit ihr haben, so naiv und süss, wie sie ist. Was sie dann aber nicht hatten. Sie zwangen mich, meine Geliebte in den Fluss zu kippen. Traurig sah ich zu, wie sie im Wasser davontrieb.

Komplizin in der Trauer

Oft ist Cannabis eine launische Schlampe. Zum Beispiel, wenn das Rendezvous endlich zustande gekommen ist und du frustriert feststellst, dass die ersehnte Befriedigung ausbleibt. Die Sehnsucht nach der Geliebten ist oft grösser als das, was sie dir am Ende ­bietet. Doch es gab auch jene Momente, da ich ganz allein war und sie bei mir und sie mich tröstete, wie mich sonst niemand hätte trösten können. Wir waren Komplizen in meiner Trauer, sie war meine Decke, in die ich mich einhüllen und geborgen fühlen konnte. Es brauchte nur uns zwei und sonst niemanden, und das war schön.

Ohnehin ist das die verhängnisvollste Eigenschaft von Cannabis: Je öfter man Zeit mir ihr verbringt, desto leichter wird es, ihre Gegenwart zu schätzen. Wer sie nicht kennt ist schnell einmal überwältigt und verwirrt von ihrer Präsenz – oder findet sie vor allem einschläfernd. Es braucht eine gewisse Gewöhnung, um ihre Gegenwart schätzen und sich dabei entspannen zu können. Manchmal hoffe ich, ich könnte eine Schwester kennen lernen, die mir denselben Trost spendet, ohne die gelegentlichen Psychosen im Gepäck.

Denn sie ist mir noch immer die Liebste. Alkohol und andere Drogen haben es im Lauf meiner Biografie auch bei mir versucht, und ich gebe zu, ich liess mich immer wieder zum einen oder anderen Seitensprung verführen. Aber keiner dieser Buhler konnte dauerhaft bei mir landen. Alkohol ist mir zu plump, Partydrogen machen unangenehm und blöd, und Psychedelika sind zwar gut für einen One-Night-Stand. Aber diesen Terror des eigenen Bewusstseins hält keiner lang aus. Cannabis blieb immer meine Königin. Und auch wenn ich sie lange Zeit nicht traf – vergessen konnte ich sie nie. Heute ist unsere Beziehung etwas abgekühlt, mein Verlangen ist nicht mehr ganz so gross wie früher. Es ist mit uns beiden wie mit vielen Ehepaaren, die irgendwann aufgeben: Wir haben uns getrennt – aber wir sind immer noch gute Freunde. Und werden es ­immer bleiben.

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