«Brüste, Orgasmen, Gefühle – alles fake»

Kathrin (44) bietet seit vielen Jahren Sex gegen Geld. Sie spricht über Freier, Liebe und ein Prostitutionsverbot.

Der käufliche Körper. Wer für Sex bezahlt, soll nach schwedischem Vorbild bestraft werden. Das fordert die Frauenzentrale Zürich (Symbolbild).

Der käufliche Körper. Wer für Sex bezahlt, soll nach schwedischem Vorbild bestraft werden. Das fordert die Frauenzentrale Zürich (Symbolbild).

(Bild: Keystone)

«Hallooooo», haucht Kathrin ins Telefon. Ihre Stimme klingt, als ob sie schon seit Stunden nackt auf meinen Anruf gewartet hätte. Als sie erfährt, dass es nicht um Sex geht, sondern ein Interview, wechselt sie den Tonfall von erregt zu freundlich.

Seit über zwei Jahrzehnten schafft Kathrin an, wie sie ihren Job nennt. Kathrin ist ein Pseudonym, ihren richtigen Namen möchte die Baslerin nicht nennen. Obwohl sie mit ihrem Leben mittlerweile irgendwie im Reinen ist. Aber auch weit entfernt vom Glück.

BaZ: Heute spricht man bei Prostitution allgemein von Sexarbeit. Warum nennen sie es anschaffen?
Kathrin: Sexarbeit, das sagen Frauen, die sich nicht verkaufen, Politikerinnen, Journalistinnen, Hausfrauen. Im Milieu ist der Ton rauer. Wer seinen Körper verkauft, der hat ausserdem grundsätzlich andere Probleme als die Wortwahl. Ich meine, ich befriedige Männer, die mich dafür bezahlen und teilweise leider auch entsprechend behandeln. Denken Sie, dass ich mir da den Kopf darüber zerbreche, ob ich gerade Sexarbeit verrichte oder anschaffe?

Es klingt, als wären Sie nicht sehr glücklich mit Ihrer Tätigkeit. Als Schweizerin hätten Sie doch sicher andere Möglichkeiten gehabt …
Tatsächlich geht es mir besser als den blutjungen Mädchen aus Osteuropa, die bei uns anschaffen müssen, damit ihre Kinder in der Heimat etwas zu essen bekommen. Aber ganz freiwillig bin ich auch nicht ins Milieu gerutscht.

Sondern?
Ich hatte alles andere als eine schöne Kindheit. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Später gelangte ich dann an Drogen und falsche Freunde. Am Anfang schafft man an, um kurzfristig schnell an Geld zu kommen. Ich hatte nicht vor, es so viele Jahre zu tun. Irgendwann steckt man dann aber zu tief drin, da sieht man gar kein anderes Leben mehr für sich.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal mit einem Freier?
Damals war für mich gar nicht so deutlich, dass das ein Freier war. Es war ein Bekannter von mir, und ich wäre mit ihm auch einfach so ins Bett gegangen. Er bot mir aber Geld an, und ich nahm es halt.

Dann war es also nicht schlimm?
Absolut nicht. Das Geld machte es für mich irgendwie sogar noch schärfer, weil es so verrucht war. Und ich dachte danach, dass Prostitution eine tolle Sache sei.

Wann hat sich diese Einstellung geändert?
Das kam ziemlich schnell. Da ich das Geld haben wollte, musste ich mir natürlich auch Männer ausserhalb meines Bekanntenkreises suchen. Da waren dicke dabei, hässliche und auch alte. Ich hatte Sex mit einem, der über 70 war. Für eine 20-Jährige ist das schon eine unangenehme Erfahrung. Leider gab es Phasen, in denen ich Drogen kaufen musste und deshalb nicht allzu wählerisch sein konnte. Viele Freier merken, wenn du dringend Geld brauchst und nutzen das aus.

Inwiefern?
Sie drücken den Preis oder verlangen Dinge, die du sonst nicht tun würdest. Ganz vorne auf der Wunschliste steht Sex ohne Gummi. Ich musste einmal dringend Schulden zurückzahlen. Von einem Bekannten liess ich mich deshalb überreden, an Gruppensex teilzunehmen. Da waren mehrere Männer, die ich gleichzeitig befriedigen sollte. Während des Sex sprachen sie über mich, als wäre ich ein Tier. Das war so erniedrigend, dass ich dabei geweint habe – die Freier fanden das zum Lachen.

War das der Tiefpunkt in Ihrem Leben?
Einer davon. So ab Mitte 20 ging es abwärts. Vorher hatte ich in dem Zürcher Puff, in dem ich damals arbeitete, zwar bei der Arbeit gerne und viel getrunken. Plötzlich soff ich aber schon nach dem Aufstehen alleine. Auch ohne Kokain und verschiedene Tranquilizer ertrug ich den Tag nicht mehr. Stellen Sie sich vor, jeden Tag mit fünf bis zehn Männern ins Bett zu gehen. Das ist harte Arbeit, körperlich und seelisch. Besonders die Seele leidet. Einige Männer, die zu Prostituierten gehen, springen mit uns nicht gerade zimperlich um.

Haben Sie viel Gewalt erlebt von Freiern?
Was heisst schon viel? Dass man als dreckige Hure und Schlimmeres bezeichnet wird, ist Alltag. Uns zu beschimpfen macht die Männer irgendwie scharf. Nach ein paar Jahren glaubt man selber, wertlos und dreckig zu sein. Körperliche Gewalt kommt ebenfalls vor, zum Glück ist mir das nicht häufig passiert. In meiner Zeit in Puffs war ich durch die Anwesenheit der anderen Frauen sowie des Securitys geschützt. Bei Hausbesuchen wurde ich aber auch mal zu Praktiken gezwungen, die ich nicht anbiete. Andere weigern sich zu bezahlen und hauen einem eine runter, wenn man das Geld einfordert. Einer hat mich einmal richtig verprügelt, weil er meinte, ich hätte sein Portemonnaie gestohlen. Der hat mir zwei Rippen und die Nase gebrochen, bis er das Ding schliesslich auf einem Schrank gefunden hat.

Wo sind Ihre Grenzen als Dienstleisterin?
Früher hatte ich mehr Tabus – weil ich sie mir leisten konnte. Weil die meisten Freier aber auf extrem junge Mädchen abfahren und ich nicht mehr so gefragt war, habe ich irgendwann angefangen, auch Sonderwünsche zu erfüllen. Etwa Golden Showers, bei denen ich den Freier anpinkle. Anderes mit Fäkalien mache ich aber nicht. Auch keine Würgespiele, Gruppensex mit mehreren Männern und nichts mit Tieren.

Sie sind jetzt 44. Wie lange werden Sie noch als Prostituierte arbeiten können?
Neukunden habe ich nicht mehr viele, sondern einen festen Kreis von Stammkunden, die teilweise schon seit vielen Jahren zu mir kommen. Mein Plus ist, dass ich Schweizerin bin. Erstens können die Männer mit mir in ihrer Muttersprache reden. Und zweitens gibt es ihnen das Gefühl, ich sei eine ganz normale Frau, die mit ihnen ins Bett will. Bei einer 18-jährigen Rumänin fällt es einem Schweizer Rentner deutlich schwerer zu glauben, sie sei wirklich scharf auf ihn.

Ein Treffen für das Interview hatte Kathrin abgelehnt. Das Gespräch fand nur am Telefon statt. Zu gross war das Misstrauen, zu quälend die Angst, jemand könnte etwas verraten, das sie enttarnt. Auch auf den Fotos, mit denen sie im Internet für sich wirbt, ist ihr Gesicht immer von den langen Haaren bedeckt. Ihrem Körper, den sie in Dessous und Highheels aus Plexiglas präsentiert, sieht man an, dass sie nicht mehr ganz jung ist. Dass sie ein Kind geboren hat. Und viele harte Jahre hinter sich. Sie sieht müde aus, wie sie da liegt auf dem schwarz bezogenen Doppelbett, den BH über die schweren Brüste heruntergezogen, die Hand im Schritt.

Immer wieder liest man, die meisten Freier wollten vor allem reden und ein bisschen in den Arm genommen werden. Ist da etwas dran?
Es gibt sie, die frustrierten Einsamen, die jemanden zum Zuhören suchen. Aber die meisten, die für Sex bezahlen, wollen genau das: Sex. In der Regel geht es um simple Dinge, die ihnen die Ehefrau verweigert. Etwa Blasen oder Analsex. Andere wollen ganz normalen Blümchensex, denen reicht schon die Missionarsstellung oder ein bisschen Reiten. Ich habe einen Stammgast, dessen Frau sich ihm seit der Geburt des ersten Kindes entzieht. Das Kind hat letztes Jahr die Lehre abgeschlossen (lacht).

Wie viel bezahlen Ihre Kunden, um mit Ihnen Sex zu haben?
Das kommt auf die Wünsche an. Den Preis verhandeln wir am Telefon.

Wie sieht Ihr Privatleben aus?
Wie das Wort schon sagt, das ist privat. Ich hatte aber immer wieder Beziehungen, und ich habe einen Sohn im Teenageralter.

Weiss er von Ihrem Job?
Nein! Dass er es irgendwie rausfinden könnte, davor habe ich grosse Angst. Ich habe seinetwegen aufgehört, im Bordell zu arbeiten und mir fürs Geschäft eine kleine Wohnung im Baselbiet gemietet. Damit nicht plötzlich der Vater eines Schulkameraden oder einer seiner Lehrer vor mir steht. Wohnen tun wir in Basel-Stadt, so dass es eine räumliche Distanz gibt.

Was sagen Sie dem Jungen, was Sie arbeiten?
Das möchte ich hier nicht öffentlich machen, sonst könnte er sich einen Reim darauf machen.

Gab es Beziehungen zu Freiern?
Niemals. Es gab zwar immer wieder Männer, die mich «retten» wollten. Aber einen Mann, der mich für Sex bezahlt, könnte ich mir als Partner nicht vorstellen.

Warum nicht?
Eine Liebe muss draussen entstehen, in der realen Welt. Im Milieu gibt es nichts Echtes. Brüste, Orgasmen und eben auch Gefühle, alles ist fake. Auch Freundschaften zu Berufskolleginnen habe ich keine richtigen, alles ist irgendwie oberflächlich. Obwohl ich mit vielen von ihnen viel gefeiert habe und sogar gereist bin. Andererseits habe ich auch keine engen Freundinnen ausserhalb. Ich müsste sie ja immer anlügen. Denn die Wahrheit, das stösst die meisten dann doch ab.

Wünschen Sie sich denn einen Ausstieg aus dem Sexgeschäft?
Irgendwann wird es wohl dazu kommen. Ganz ehrlich: Wie viele Männer bezahlen noch für Sex mit einer 60-Jährigen? Für mich bedeutet das dann aber Sozialhilfe. Das Geld, das ich verdient habe, habe ich immer gleich ausgegeben. Für Drogen, Champagner, teure Kleider, Reisen und anderes. Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was ich alles gekauft habe. Das geht vielen so. Weil der Job nicht schön ist, hat man ständig das Bedürfnis, sich belohnen zu müssen.

Macht Ihnen die Zukunft Angst?
Nicht wahnsinnig. Ich weiss ja, dass in der Schweiz niemand verhungern muss.

Weshalb schaffen Sie denn immer noch an?
(Lange Pause) Weil ich nichts anderes kenne. Doofe Antwort, oder? Aber es ist so, ein bürgerliches Leben, das kenne ich nicht. Was soll ich den ganzen Tag tun? Mit wem könnte ich sprechen, wer wären meine Bekannten? Ausserdem arbeite ich in meinem Appartement so selbstbestimmt wie noch nie. Und ich freue mich nicht gerade darauf, beim Staat betteln zu gehen.

Wenn ein Prostitutionsverbot eingeführt würde, wie es derzeit diskutiert wird – wäre das für Sie ein Grund, aufzuhören?
Ich denke schon. Mir wäre nicht wohl dabei, ständig gegen das Gesetz zu verstossen und immer Angst vor der Polizei zu haben. Das wäre mir zu anstrengend. Ich bin entschieden gegen ein solches Verbot. Ich kann nicht verstehen, was es bringen soll. Schliesslich bin ich keine Kriminelle, und ich schade niemandem, höchstens mir selber. Aber das tun andere auch. Und die Frauen, die aus irgendwelchen Gründen gezwungen sind oder von Zuhältern gezwungen werden, auf den Strich zu gehen, die werden immer auf den Strich gehen. Dann halt einfach im Verborgenen. Einfach nur die Freier zu bestrafen wie in Schweden, bringt auch nichts. Wir Frauen landen damit genauso im kriminellen Abseits.

Mehr möchte Kathrin zum Prostitutionsverbot nicht sagen. Sie muss los in ihr Studio. Dort wird sie die Jeans und das T-Shirt abstreifen und durch aufreizende Dessous ersetzen. Dann wartet sie. Bis der Mann an der Türe klingelt und sie sich zusammen hinlegen. Ins schwarz bezogene Doppelbett.

Basler Zeitung

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