Begehren unerwünscht

Das Verbot von sexistischer Werbung verleiht Frauen einen Opferstatus, der ihnen kein selbstständiges Denken zutraut.

Die Linken in Berlin haben der «sexistischen» Werbung den Kampf angesagt.

Die Linken in Berlin haben der «sexistischen» Werbung den Kampf angesagt.

(Bild: Keystone)

Gibt es zu einer Thematik keine Beschwerden, sorgen Politiker eben dafür, dass etwas zum Problem wird. So haben die Linken in Berlin der «sexistischen» Werbung den Kampf angesagt – Reklamationen liegen zwar nicht vor, wie ein Exponent laut Tagesspiegel zugibt. Sie soll trotzdem in der ganzen Stadt verboten werden.

Gemäss dem Kriterienkatalog von «Terre des Femmes» ist Werbung sexistisch und stuft die Frau zum Lustobjekt herab, wenn, unter anderem, Frauen unpassenderweise «spärlich bekleidet» sind oder «die sexualisierte Darstellung von Frauen als befreite Sexualität der Frau getarnt» wird. Frauen würden sich dadurch physisch minderwertig und diskriminiert fühlen; Essstörungen oder Depressionen seien die Folge.

Es stimmt, dass insbesondere jüngere Damen Schönheitsidealen nacheifern, was sich ungesund auf Körper und Seele auswirken kann. Eine breitere medizinische Studie aber, mit der sich ein konkreter Zusammenhang ableiten liesse zwischen dem Anblick eines Bikinimodel-Plakates und den psychischen Problemen einer Frau habe ich bislang noch nicht gefunden (falls welche existieren, lasse ich mich gerne eines Besseren belehren).

Begehren gleich Sexismus

Die Argumentation der Verbots-Befürworter beruht ja auf der Annahme, dass Werbung mit Sexappeal Begehren auslöse und Begehren gleich Sexismus ist – mit all seiner Lüsternheit und Herabsetzung. Nun lösen aber sexy Plakate nicht zwingend Begehren aus. Und auch wenn es so wäre, warum ist Begehren etwas Negatives? Es ist ein Kompliment. Wer es als etwas anderes auslegt, ist gefühlsmässig abgestumpft oder benebelt von einer unzeitgemässen Art der Prüderie. Natürlich kann man jetzt sagen, Begehren ist der Vorläufer von Begrapschen oder sexueller Gewalt und deshalb gefährlich. Und wenn im Haus eine Treppe existiert, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese einmal herunterstürzt.

Dass es Teil ihrer Selbstbestimmung sein könnte, wenn Frauen sich bauchfrei und in Hotpants präsentieren, im Bewusstsein, dass sie sich damit als Lustobjekt darstellen, ist für die politisierenden Frauenversteher unmöglich. (Ist diese Aufmachung eigentlich auch sexistisch, oder eher sexy?) Weil das wäre ja eigenständiges Denken und hiesse, Frauen wären keine Opfer. In Zeiten aber, wo der Opferstatus als höchste Währung gilt und Unterstützung und Förderung in allen Lebensbereichen verspricht, macht die permanente Darstellung der Frau als schwaches, schützenswürdiges Geschöpf von ihrem Blickwinkel aus natürlich Sinn.

Nur ist das Problem an solchen Thesen, dass sie in grossen Zügen fernab der Realität liegen: Frauen sind grundsätzlich nicht schwach und hilfsbedürftig. Uns darf man selbstständiges Denken und Abwägen zutrauen. Und auch junge Frauen sind klug genug, um zu wissen, dass sie nicht aussehen müssen wie Models, dass Werbung nicht immer der Realität entspricht, dass überall digital ausgebessert wird – sie sind ja praktisch mit Photoshop aufgewachsen.

Politiker, die ein Verbot für «sexistische» Werbung fordern, müssten konsequenterweise auch ein Verbot für erotisierende Stoffstücke wie den Push-up-BH oder den Brazilian-Bikini fordern. Sie sollten am besten auch gleich den Modelberuf abschaffen, das Leistungsschwimmen, die Leichtathletik, damit sich beim Anblick dieser wunderbaren, gestählten, sexy Körper ja keine Frau auf dieser Welt minderwertig, diskriminiert und herabgewürdigt fühlt. Wer schützt uns Frauen eigentlich vor diesem Überschutz?

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Basler Zeitung

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