Bedenkliche Debattenkultur

Plötzlich gilt ausgerechnet Alice Schwarzer nicht mehr als echte Feministin. Sie soll gar eine Rassistin sein. Wie konnte das nur passieren?

Alice Schwarzer hat es gewagt, eine Muslimin zu berühren.

Alice Schwarzer hat es gewagt, eine Muslimin zu berühren.

(Bild: Keystone Boris Roessler)

Wenn Alice Schwarzer spricht, dann hallen ihre Sätze nach; Understatement ist ihre Sache nicht. Schwarzer, 76, ist seit Jahrzehnten das bekannteste Gesicht der Frauenbewegung, des Feminismus, im deutschsprachigen Raum. Umso erstaunlicher ist es, dass nun gerade Schwarzer abgesprochen wird, eine echte Feministin zu sein; sie soll gar eine Rassistin sein. Wie konnte das nur passieren?

Schwarzer hatte in der letzten Woche vor einer Konferenz zum Thema Kopftuch einen Shitstorm ausgelöst, weil sie in einer hitzigen Diskussion den Arm einer Demonstrantin mit Kopftuch «angetippt» hatte, wie sie selber sagt. Nachdem diese Schwarzer dann ein «Fassen Sie mich nicht an! Sonst zeige ich Sie an!» an den Kopf geworfen hatte, antwortete Schwarzer ironisch: «Ich dachte, nur Männer dürfen Sie nicht anfassen.» Das wurde ihr als diskriminierend ausgelegt.

Interessant ist, dass die Kritik von linker Seite kommt, wo Schwarzer einst gefeiert wurde

Man muss sicher nicht immer Schwarzers Meinung sein, man darf ihre Ansichten falsch finden – aber wegen einer sicherlich nicht bös gemeinten Berührung und einer schlagfertigen Antwort eine solche Aufregung? Das wirkt völlig deplatziert. Natürlich ging es in Wahrheit auch um etwas anderes: dass Schwarzer das Kopftuch für frauenfeindlich hält.

Interessant ist auch, dass die Kritik von linker Seite kommt, wo Schwarzer einst gefeiert wurde, und die Verteidigungsplädoyers von der rechten. Wer hätte das für möglich gehalten? Der Vorfall zeigt aber neuerlich auf, wie sehr sich die Debattenkultur in Europa im Zerfall befindet. Wer aus dem Rahmen fällt, sei es auch nur einmal, wer nicht hundertprozentig konform geht, wird aus dem Habitat, dem man sich eigentlich zugehörig fühlt, eiskalt vertrieben – und steht auf einmal auf der anderen Seite, mit der nicht übermässig viele Berührungspunkte erkennbar sind. Im rechten oder konservativen Spektrum ist Alice Schwarzer nun wirklich nicht anzusiedeln.

Es ist bemerkenswert, wer heute alles ein Rassist oder ein Nazi sein soll.

Wenn wir nicht mehr diskutieren, nicht mehr um Argumente ringen wollen, dann sind haltlose Denunziationen die einfachste, aber auch feigste Lösung. Es ist bemerkenswert, wer heute alles ein Rassist, oder, derzeit wohl das beliebteste Modewort, ein Nazi sein soll. Ob jemand, wie in diesem Fall Schwarzer, ein Kleidungsstück kritisiert, was zulässig ist – oder ob jemand tatsächlich rassistisch gegen den Islam hetzt, was verwerflich ist und zu Recht unter Strafe steht: Beide werden mit den gleichen Begrifflichkeiten eingedeckt. Diese Entwicklung ist entmutigend. So wird nicht nur jede Debatte der Lächerlichkeit preisgegeben, es verharmlost auch die Taten der rechten Rassisten, der wirklichen Nazis.

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