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Annebäbeli, lüpf de Fuess

Juso-Präsidentin Tamara Funiciello findet Lo & Leducs Superhit «079» sexistisch. Verlieren gerade alle reihenweise ihren Menschenverstand?

«079» - ein Skandal für Juso-Präsidentin Funiciello.
«079» - ein Skandal für Juso-Präsidentin Funiciello.
Keystone

Ist der Prinz, der das schlafende Dornröschen küsst, ein fieser Vergewaltiger? Mit dieser Frage dürfte die Sexismus-Debatte ihren absurden Höhepunkt erreicht haben – dachte man. Doch gerade verlieren Menschen reihenweise ihren gesunden Menschenverstand. Sie empören sich derart über Nichtigkeiten, dass man nicht mal mehr von einer Mücke sprechen kann, die zum Elefanten gemacht wird. Weil da nie eine Mücke war.

«079» ist der Schweizer Hit, der sich bislang am längsten auf Platz eins der Hitparade halten konnte. Ein Riesenerfolg für das Duo Lo & Leduc. Ein Skandal für Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Im Song probiert nämlich ein Mann an die Telefonnummer seiner Angebeteten zu kommen – obwohl diese sie ihm nicht geben will. Stalking!, schreit ein kleiner Kreis rund um Funiciello. Gewalt gegen Frauen beginne mit einem sexistischen Witz und ende mit Vergewaltigung und Ehrenmord.

Da summt man also gedankenlos ein Liedchen vor sich hin und fördert damit Gewalt an Frauen. Liebe Tamara Funiciello, Sie müssen entschuldigen, wir wussten es nicht besser. Aber Lo & Leduc sind ja nur die vergleichsweise harmlose Spitze eines frauenverachtenden, musikalischen Eisbergs.

Frauen zu Sexobjekten degradieren

Erinnern wir uns an «Delilah» von Tom Jones. In dem mitreissenden Song greift der abgemeldete Geliebte kurzerhand zum Messer. Auch Mick Jagger durfte in Hits wie «Under my Thumb» ungehindert und mit weltweitem Erfolg Frauen zu Sexobjekten degradieren. Und ich bin sicher, dass Sie, Frau Funiciello, bei Elvis oder Bob Dylan weitere Leichen im Sound-Keller finden würden.

Man muss übrigens gar nicht in die Ferne schweifen, um vermeintlichen Sexismus zu enttarnen. Mein Zweijähriger singt gerade mit Begeisterung alte berndeutsche Lieder, die wohl ebenfalls alles andere als harmlos sind. Immerhin wird das Mädchen in «Annebäbeli, lüpf de Fuess, wenn i mit dir tanze mues» zum willenlosen Objekt degradiert. Und auch der Kita-Hit mit den Krokodilen, wo immer das Papi-Krokodil vorne laufen darf. Man könnte daraus einen Skandal basteln.

«Es ist wie mit Sexfantasien»

Aber, ich rate ab. Stattdessen: Entspannt euch. Hört Musik, wippt mit dem Fuss im Takt, singt mit. Lasst los. Lebt, ums Himmels willen! Auch wenn Jay-Z rappt «Ich schlage sie, ich ficke sie, ich liebe sie, ich verlasse sie» (was selbst in meinen Augen ein wenig frauenfeindlich rüberkommt), ist das kein Drama, sondern ein Song. Musik darf das. Und sie macht die Welt damit nicht schlechter. Vielleicht sogar ein wenig bunter und aufregender.

Es ist wie mit Sexfantasien. Nur weil viele Frauen manchmal von einem brutalen Macho träumen, wollen sie noch lange nicht vergewaltigt werden. Genauso wenig ruft Tom Jones dazu auf, untreue Frauen abzustechen. Auch Lo & Leduc wollen und bewirken mit ihrem Liedchen nichts Böses.

Wenn ihr das begriffen habt, bleibt euch vielleicht die Zeit, euch wahren Problemen zuzuwenden. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass dies dann dieselbe Medienaufmerksamkeit bringt wie der gerade gekochte Blödsinn.

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