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Anleitung zur Menschenzucht

Die SPD möchte alle Menschen respektieren. Trotzdem wollen sie Sarrazin nicht mehr in der Partei haben.

Im demokratischen Rechtsstat Deutschland sollen alle Menschen mit Würde zusammenleben.
Im demokratischen Rechtsstat Deutschland sollen alle Menschen mit Würde zusammenleben.

«Fussball ist eine Ballsportart», erklärt Wikipedia, «bei der zwei Mannschaften mit dem Ziel gegeneinander antreten, mehr Tore als der Gegner zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen. (Ausnahmen wie beim aktuellen FCB-Kader bestätigen die Regel, R.S.) Die Spielzeit ist üblicherweise zweimal 45 Minuten, zuzüglich Nachspielzeit und Verlängerung. Eine Mannschaft besteht aus elf Spielern, von denen einer der Torwart ist. Der Ball darf mit dem ganzen Körper gespielt werden mit Ausnahme der Arme und Hände; vorwiegend wird er mit dem Fuss getreten.» Die Regeln sind (mehr oder weniger) eindeutig. In Zweifelsfällen entscheidet der Schiedsrichter.

Kann man sich unter diesen Umständen vorstellen, dass sich ein sport­begeistertes Kind bei einem Verein meldet mit der Vorbedingung, es wolle aber auch mit den Händen und nur auf ein Tor spielen, am liebsten mit einem ovalen Gummiball, zudem würde es Entscheidungen des Unparteiischen nicht akzeptieren? Kurz gesagt: Das Regelwerk des Fussballs interessiert es keinen Deut. Zu Recht würde jeder Verein die Aufnahme eines solchen Bewerbers verweigern.

In Deutschland wollen wir eine Kultur der Anerkennung fördern.

Politik tickt anders. Der Berliner Finanzsenator a. D. und Hobby-­Eugeniker Thilo Sarrazin will partout Mitglied der SPD bleiben, obwohl in deren Hamburger Programm aus dem Jahr 2007 unmissverständlich steht: «In Deutschland wollen wir eine Kultur der Anerkennung fördern: Die Menschen sollen in gegenseitigem Respekt vor der Würde, der Kultur und der Leistung ihrer Mitmenschen zusammenleben. Wir arbeiten für unseren sozialen und demokratischen Rechtsstaat, der Sicherheit und ­Freiheit gewährleistet.»

Seit zehn Jahren versucht die SPD, ihr Mitglied Sarrazin gegen seinen hartnäckigen Widerstand aus der Partei auszuschliessen. Nun hat ihre Schiedskommission in Berlin (im Fussball würde man Schiedsrichter sagen) gegen ihn entschieden. Sie ist der Meinung, Thilo Sarrazin würde der Partei «schweren Schaden» zufügen.

Sarrazins Bücher sind keine intellektuelle Bereicherung, sondern eine «ungeheure intellektuelle Entgleisung.»

Es besteht kein Zweifel: Der erfolgreiche Buchautor vertritt politische Positionen, die mit der Geschichte und den Grundsätzen der Sozialdemokratie unvereinbar sind. «Wer unter dem Banner der Meinungsfreiheit (‹Das wird man wohl noch sagen dürfen...›) ethnische und historische Ressentiments in der Politik wieder geschäftsmässig macht», schrieb Sigmar Gabriel, «der bereitet den Boden für die Hassprediger im eigenen Volk.» Sarrazins Bücher seien keine intellektuelle Bereicherung, sondern vielmehr eine «ungeheure intellektuelle Entgleisung». Sarrazin macht das Prinzip der biologischen Auslese wieder salon­fähig. Er behauptet, dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang bestehe. «Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potenzial der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt.» Da ist es nicht mehr weit hin zu einer Politik, die zwischen sozioökonomisch wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet.

Am Ende dieses Denkens steht dann die nationalsozialistische Ausformung der Eugenik, in der sogenannte Wissenschaftler und Ärzte die perverse ­Begründung für die Auslöschung «unwerten» Lebens lieferten. Bei Sarrazin liest sich das dann so: «In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig ver­warfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet.» Diese «Fragen» haben Hitlers Schergen zwischen 1933 und 1945, mit schrecklichen Folgen, bereits konsequent beantwortet. «Fliegenschiss» würde sein Gesinnungsfreund Gauland dazu sagen.

Mit rassenideologischem Schwachsinn kann man in Deutschland Millionär werden.

Sarrazin präsentiert in seinem Handbuch zur Menschenzucht auch Ideen, wie die Auswahl von wertvollen Eltern optimiert werden könnte: Er empfiehlt einen staatlichen Bonus von 50'000 Euro für Mütter unter 30. «Die Prämie dürfte allerdings nur selektiv eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Frucht­barkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist.» Damit könnte eine falsche Geburtenpolitik korrigiert werden, «eine kulturell bedingte, von Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert».

Bestsellerlisten und Verkaufszahlen belegen, dass man im heutigen Deutschland unterdessen wieder mit rassenideologischem Schwachsinn Beifallsstürme auslösen und erst noch Millionär werden kann.

Aber bis vor zwei Tagen hätte es ja auch niemand für denkbar gehalten, dass in Thüringen – der «Wiege der Sozialdemokratie» – ein FDP-Kandidat mit Unterstützung der CDU und der AfD, der Partei des Faschisten Björn Höcke, zum Ministerpräsidenten gewählt wird.

Sarrazins braune Saat geht auf.

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