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Als ein britischer Querulant für die Legalisierung des Schirms kämpfte

Schirme sorgten schon im Alten Rom für Geschlechterkämpfe. Lange Zeit ein herrschaftliches Insignium, war das «weibische» Teil in England zunächst verboten.

Wohltäter für Findelkinder und Prostituierte – und Fürsprecher des Schirms: Jonas Hanway (1712-1786) in London.
Wohltäter für Findelkinder und Prostituierte – und Fürsprecher des Schirms: Jonas Hanway (1712-1786) in London.

Derzeit geht er wieder überall vergessen und verloren: der Regenschirm. Sein Schönwetter-Pendant, der Sonnenschirm, ist über 4000 Jahre alt. Die wasserdichte Variante hat sich aber erst vor etwa 200 Jahren durchgesetzt. Dabei liessen schon die Damen im Alten Rom ihre Papyrusschirme mit Öl abdichten. Zeitgenossen überliefern, dass es jeweils zu heftigen Geschlechterkämpfen gekommen sei, wenn die Frauen im Zirkus bei Regen die Schirme öffneten – die holden Gatten hatten dann keine freie Sicht mehr aufs Gemetzel.

Es entspann sich eine heftige öffentliche Debatte. Kaiser Domitian entschied im 1. Jahrhundert n. Chr. zugunsten der Frauen. Heute sind Schirme bei Freiluftveranstaltungen aus naheliegenden Gründen wieder verboten.

Dass Schirme in Römischen Arenen die Geschlechter entzweiten, lag daran, dass es Männern gar nicht in den Sinn gekommen wäre, dieses «weibische» Teil zu benutzen. Selbst auf den britischen Inseln, wo der Regenschirm das Gentleman's Accessoire schlechthin ist, brauchte es einen spleenigen Querulanten, um Männer vom Nutzen dieses Gegenstands zu überzeugen.

Pamphlet-Verfasser Hanway

Jonas Hanway war ein britischer Geschäftsmann, der im Handel mit Russland und dem Fernen Osten schnell viel Geld gemacht hatte und sich mit 38 Jahren zur Ruhe setzte. Fortan wirkte er vor allem als Wohltäter für Findelkinder und Prostituierte sowie als glühender Pamphlet-Verfasser.

So setzte er sich etwa gegen das Teetrinken ein, für Einzelhaft und gegen die Einbürgerung von Juden. Doch mit nichts schuf er sich soviel Feinde wie mit seinem Regenschirm, einem Qualitätsprodukt aus dem damals in der Branche führenden Oberitalien.

Für Männer verboten

Geschäftspartner wandten sich von ihm ab, weil sie seine Geschlechtsidentität für gestört hielten, Gassenjungen verspotteten ihn und Kutscher fuhren systematisch vor ihm in Pfützen hinein.

Aber schliesslich sah die Londoner Männerwelt ein, dass die einmalige Anschaffung eines Regenschirms viel günstiger war als ständige Schlechtwetter-Kutschenfahrten. 1787, ein Jahr nach Hanways Tod, erlaubte die «Royal Society» Herren offiziell das Tragen von Schirmen bei Regen.

4000 Jahre Schirm

Dabei war der etwa 2000 v. Chr. in China erfundene Schirm lange Zeit ein «herr-schaftliches» Insignium. Früheste Abbildungen mit beschirmten Potentaten stammen aus Mesopotamien ums Jahr 1400 vor Christus. Nur wenig später sind Sonnenschirme in Ägypten belegt. Sie galten als Nachbildung der Göttin Nut, die im bogenförmigen Vierfüssler das Himmelsgewölbe bildete und auf deren Bauch die Sterne angebracht waren.

Eines derart heiligen Schutzdachs wie des Schirms waren lange nur gekrönte Häupter und hohe Beamte würdig, namentlich in Asien. An der Machart – aus Seide und reich bestickt oder nur aus einfachem Stoff – erkannte man etwa bei Beerdigungen den Rang des Verstorbenen. In Europa wurde der Schirm später auch Symbol für die Macht der Kirche. Ein Schirm schmückt heute noch die sogenannten Sedisvakanz-Briefmarken von Vatikan-Stadt.

Flirt-Gerät

Wie der Herrschaftsschirm hat auch der Damenschirm eine bis heute durchgehende Geschichte. Seine Hochblüte erlebte er im Biedermeier, als er reich verziert und zum Kleid passend zu sein hatte.

Das Teil eignete sich ausgezeichnet zum Kokettieren. Auf der rechten Schulter abgelegt signalisierte es Interesse, in geöffnetem Zustand gedreht sogar Liebe.

Irene Widmer/ sda

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