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Analyse

Gegen solche Collagen, übers Internet millionenfach verbreitet, sind auch die Geheimdienste machtlos.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Jeder Witz, schreibt George Orwell, enthalte eine kleine Revolution. Als Präsidentschaftskandidat Barack Obama in der Satiresendung «Saturday Night Live» auftrat, hatte er eine Obama-Maske an, die er abzog, um das Original dahinter zu zeigen. Der Witz war er selber: ein Afroamerikaner als Präsidentschaftskandidat. Niemand konnte ahnen, wie oft ihm die Maske noch vom Gesicht gerissen würde. Und wie sehr sein Gesicht einer Maske gleichen würde – verschlossen und unnahbar.

Das Ende der Schonzeit

Lange Zeit war der schwarze Präsident für die Satiriker unbrauchbar, weil er heilandgleich über das Land schwebte. Das hat sich geändert – die Landung war hart. Je mehr sich der Präsident in den Geheimdienst-Skandal verwickelt, desto mehr reden andere für ihn. In Sprechblasen lassen sie ihn sagen, was sie von ihm denken, so auch auf dem obigen Bild, das seit ein paar Monaten kursiert und millionenfach weiterverbreitet wurde. Noch einfacher funktioniert der Einfall, vier Bücher mit folgenden Titeln übereinanderzulegen: «Maybe», «Barack Obama», «Misunderstood», «1984». Der Verfassungsjurist Obama, gebildet und liberal, wird an seine eigenen Prinzipien erinnert und mit ihrem Verrat konfrontiert.

Unvergessen auch die Titelseiten von «Titanic», als das deutsche Satiremagazin noch eines war. Etwa das Spruchband über einer Autokolonne: «Wir stauen für Nelson Mandela.» Oder das Hitler-Antlitz mit dicker Träne über einer Geschwindigkeitsbegrenzung: «Wenn das der Führer wüsste.» Oder die junge Frau nach dem Mauerfall, eine geschälte Gurke in der Hand: «Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane.»

Im Gesamtberlin von heute ist eine Postkarte besonders beliebt, die Walter Ulbricht zeigt, den Mauerbauer der DDR: «Niemand hat die Absicht, hier einen Flughafen zu errichten.» Zeitschriften wie der «New Yorker» und TV-Sendungen wie «Have I Got News For You?» machen Wettbewerbe über die bestmögliche Bildlegende zu einem Cartoon oder einer Fotografie.

Globalisierte Rache des Volkes

Das zweckentfremdete Bild als Satireinstrument ist so alt wie die Fotografie und ihre Collagierung. Die Kombination von Bild und Sprechblase wurde in den Sechzigern populär, als der Fernsehkritiker und Drehbuchautor Gerald Gardner ihre satirische Wirkung entdeckte und zum Buch machte. Er hatte damit solchen Erfolg, dass er jedes Jahr ein neues nachschob. Auf dem ersten Titelblatt sitzen John F. Kennedy und sein Vorvorgänger Harry Truman, der sagt: «Also tropft es im Badezimmer immer noch.»

Das klingt geradezu schüchtern im Vergleich zu dem, was Politikern heute aus dem Netz entgegenfliegt. Früher brauchte es Bild, Schere und Papier, heute reicht Photoshop und eine Internetverbindung, um einen Amateur zum globalen, wenn auch anonymen Satiriker aufsteigen zu lassen. Wenn er es kann. Denn das meiste ist unbrauchbar, da blöd, dumm oder voller Ausrufzeichen. Das ist das Gute an der viralen Verbreitung: Bild und Pointe müssen eine Art qualitativen Darwinismus überstehen. Das Beste wird von spezialisierten Sites wie «The Bubble Project» oder «9gag.com» mit eigenem Logo versehen und weiterverschickt. Die Internetsatire ist die globalisierte Rache des Volkes an der Anmassung seiner Politiker. Dass es auch Barack Obama trifft, hat etwas Demokratisches, und das ist gut so.

Tages-Anzeiger

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